Offene Wissenschaft, jetzt!

Bei der Veröffentlichung von wissenschaftlichen Artikeln sind undurchsichtige Verfahren im Spiel – ein Plädoyer für mehr Transparenz

Während meiner Zeit als Doktorand erschütterte ein handfester Skandal die BWL-Forschung in Deutschland. Innerhalb weniger Monate wurden statistische Unstimmigkeiten in einer Reihe von Publikationen des jungen BWL-Professors Ulrich Lichtenthaler festgestellt. Auch Vorwürfe der absichtlichen Täuschung standen im Raum. Lichtenthaler, von der Wirtschaftspresse bis dahin als „B-School Wunderkind“ und „der Junge der alles richtig macht“ gefeiert, musste bis 2014 insgesamt 15 seiner Veröffentlichungen zurückziehen und verlor sowohl seine Habilitation als auch seine Professur an der Universität Mannheim.

Vertrauen in sorgfältige und gewissenhafte Arbeit ist ein Grundpfeiler des wissenschaftlichen Systems. Dass die Nachlässigkeiten eines gefeierten Wissenschaftlers nur durch Zufall und intensive Recherche einiger Plagiatsjägerinnen und -jäger aufgedeckt wurden, versetzte dem Vertrauen in die betriebswirtschaftliche Forschung einen herben Schlag. Wie lässt sich verhindern, dass bei steigendem Publikationsdruck auch in Zukunft Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen der Versuchung des Fehlverhaltens nachgeben? Reichen mahnende Negativbeispiele aus, um den Nachwuchs in der Forschung nachhaltig von Fehlverhalten abzuhalten? Meiner Meinung nach liegt das Problem und dessen Lösung (auch) in den Spielregeln und Verfahren des Wissenschaftssystems.

Die Open Science Bewegung

Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Annette Schavan: Die Zeit meines Studiums war geprägt von medial ausgetragenen Plagiatsaffären. Trotz einer gewissen Genugtuung um diese Einzelfälle blieb das Gefühl, dass hier lediglich ein Symptom, nicht aber die Ursache einer größeren Schieflage im Wissenschaftssystem behandelt wird. Wie lassen sich die Spielregeln der Wissenschaft so verändern, dass potentielles Fehlverhalten nicht erst Jahre später verhandelt und bewertet wird?

Eine Antwort auf diese Frage schien mir erstmals greifbar, als ich einige Jahre später mit der Open Science Bewegung in Kontakt gekommen bin. Dieser lose Zusammenschluss von Forschenden verschiedenster Fachrichtungen setzt sich dafür ein, Wissenschaft der Gesellschaft schneller und unmittelbarer zugänglich zu machen. Durch höhere Transparenz von Wissenschaft stellt die Bewegung nicht nur bessere Forschungsergebnisse, sondern auch ein größeres Vertrauen in die Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Aussicht. Über Fach- und Ländergrenzen hinweg setzt sich die Open Science Bewegung daher für Dinge wie

  • Open Access (frei zugängliche wissenschaftliche Publikationen),
  • Open Data (die Offenlegung wissenschaftlicher Datensets)
  • oder den Einsatz von Open Source Software in der Forschung

ein.

Offene Forschung und Lehre in Witten

Wie lässt sich das abstrakte Ideal einer offeneren Wissenschaft auf die spezielle Wissenschaftskultur der BWL übertragen? Kann Open Science zu vertrauenswürdigeren Forschungsergebnissen führen oder regt Transparenz lediglich dazu an, neue „Hinterbühnen“ des Fehlverhaltens zu finden? Unterstützt durch ein Open Science Fellowship von Wikimedia Deutschland, Volkswagenstiftung und Stifterverband, gehe ich seit 2017 diesen Fragen nach und bemühe mich, meine eigene Lehre und Forschung an der Universität Witten/Herdecke (UW/H) nach den Prinzipien von Open Science auszurichten.

Offenheit als Prinzip guter Wissenschaft beginnt für mich bereits im Bachelor- und Masterstudium. Im Sommersemester 2019 habe ich daher im Rahmen des Studium fundamentale mit Studierenden aller Fachrichtungen an der UW/H „Mini-Forschungsanträge“ entwickelt, die sich an den Open Science Kriterien ausrichten. Die Idee der Offenheit half den Studierenden dabei, noch genauer über die Angemessenheit ihrer Methoden und potenzielle gesellschaftliche Adressaten ihrer Forschung nachzudenken.

Für Masterstudierende biete ich außerdem ein Seminar zum Thema „Organizing Openness“ an, in dem Open Science und angrenzende Themen wie Open Government oder Open Strategy behandelt werden. Passend zum Seminar arbeite ich an einem digitalen Lehrbuch unter offener Lizenz. Fertige Teile des Lehrbuches sind nicht nur kostenfrei im Netz verfügbar, Studierende haben außerdem die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen zum Lehrbuch hinzuzufügen (zum Beispiel hier).

Mein Wunsch: Open Peer Review

Ich bin der Überzeugung, dass Prinzipien offener Wissenschaft Fälle wie den des Ulrich Lichtenthaler von rückblickenden Enthüllungen in einen produktiven Diskurs über Standards wissenschaftlicher Arbeit überführen können. Eines der wichtigsten Instrumente hierfür scheint mir ein offener Begutachtungsprozess („Open Peer Review“). Der Begutachtungsprozess ist der zentrale Schauplatz wissenschaftlicher Sorgfalt. Bevor eine Studie in einer angesehenen Zeitschrift veröffentlicht wird, schickt der Herausgeber der Zeitschrift sie an mehrere, oftmals anonyme Gutachterinnen oder Gutachter. Durch ihr Votum und ihre Verbesserungsvorschläge üben diese starken Einfluss darauf aus, welche Artikel als wissenschaftlich angemessen gelten und welche nicht.

Bisher findet diese Aushandlung grundsätzlich im kleinen Kreis und hinter verschlossenen Türen statt. Ich glaube jedoch, dass in genau diesem sehr geschlossenen Kreis viel Potenzial für Fehlverhalten, Oberflächlichkeit und das Ausnutzen von Machtpositionen liegt. Eins meiner dringlichsten Anliegen ist es daher, die Begutachtung von wissenschaftlichen Artikeln auf ein deutlich transparenteres Verfahren – den sogenannten Open Peer Review – umzustellen. In solch einem Verfahren würden beispielsweise die Namen der Gutachterinnen und Gutachter bekannt und die Gutachten selbst zusammen mit dem finalen Artikel veröffentlicht werden. Auch ist denkbar, die Begutachtung für die Crowd zu öffnen. Statistische Ungereimtheiten würden nach dem „1000-Augen Prinzip“ deutlich wahrscheinlicher während und nicht erst Jahre nach Abschluss des Begutachtungsprozesses entdeckt werden.  

Wäre die Karriere von Ulrich Lichtenthaler mit offener Wissenschaft und Open Peer Review anders verlaufen? Zumindest ist denkbar, dass ein tieferer Einblick in die Abläufe seiner Forschung, deutlich gemacht hätte, wie schwierig es in der BWL und anderen Disziplinen sein kann, wissenschaftliches von unwissenschaftlichem Vorgehen abzugrenzen. Dies hätte die Schuld des Fehlverhaltens nicht erlöschen lassen, diese aber möglicherweise auf mehrere Paar Schultern verteilt.

Über den Autor

Maximilian Heimstädt

Maximilian Heimstädt ist Habilitand am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung. In seiner Forschung befasst er sich vor allem mit der Rolle von Offenheit – als Prinzip, Praktik und Ressource in Organisationen. Sein empirisches Interesse liegt auf (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten und Möglichkeitsräumen im Kontext der digitalen Transformation: Daten teilen oder schützen? Menschliche oder automatisierte Entscheidungen? Gemeinsam für eine ungewisse Zukunft planen oder die Handlungen einzelner Individuen vorhersagen? In seiner Dissertation an der Freien Universität Berlin untersuchte er die Umsetzung digitaler Transparenzstrategien („Open Data“) in öffentlichen Organisationen. Als Postdoktorand in Witten forscht er zur Regulierung von Algorithmen und neuen Formen der Expertise. In einem weiteren Projekt untersucht er die Open Science Bewegung in Deutschland, deren Mitglieder sich dafür einsetzen, durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und Infrastrukturen die Organisation der Wissensproduktion grundlegend zu verändern.

Folge Maximilian Heimstädt auf Twitter und erfahre mehr über aktuelle Forschungsprojekte: @heimstaedt.

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