Nachhaltige Entwicklung an Hochschulen

Auch Universitäten spielen eine Rolle in der Klimadebatte

Nachhaltiges Wirtschaften, Environmental Policy, Fridays for Future, Scientists for Future und zuletzt auch Tech for Future: Nachhaltiges Handeln ist im Alltag angekommen. Millionen Menschen weltweit gehen auf die Straßen und fordern in allen Lebensbereichen mehr Nachhaltigkeit . Nicht nur Schülerinnen und Schüler tun das, auch viele Studierende demonstrieren. Immer mehr Menschen aller Altersgruppen entscheiden sich individuell für eine nachhaltigere Lebensweise. Große Änderungen müssen aber auch von einer breiteren Basis ausgehen. Eine Frage lautet deshalb: Wie können Institutionen des öffentlichen Lebens - also auch Hochschulen - zu diesem Wandel beitragen? Welche Rolle spielen Hochschulen in der Klimadebatte?

Es gibt vielfältige Faktoren, die bei dieser Frage beachtet werden können. Das Projekt HOCHN der Universität Hamburg, unterstützt durch das Bundesministeriums für Bildung und Forschung, fördert und vernetzt die nachhaltige Entwicklung an Hochschulen in Deutschland. Neben konkreten Handlungsschritten entwickelt das Projektteam umfassende Leitfäden zum Thema Nachhaltigkeit und schafft Netzwerk- und Fortbildungsangebote für Akteurinnen und Akteure unterschiedlicher Themengebiete. HOCHN sieht vor, dass die unterschiedlichen Bereiche Governance, Betrieb (Einkauf, Abfall, Energie, Ernährung, Mobilität), Lehre, Forschung und Community in Bezug zu nachhaltigem CO2-neutralen Handeln überprüft werden.

Beispiele für nachhaltigen Hochschulbetrieb

So kann im Betrieb zum Beispiel auf nachhaltige Büroartikel und Kopierpapier sowie eine plastikfreie Mensa, in welcher Bio-Lebensmittel verarbeitet werden, gesetzt werden. Im Bereich der Mobilität können Anreize gesetzt werden, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, statt das Auto zu nehmen. Darüber hinaus kann man Aspekte wie die Stromversorgung oder das Abfallmanagement in Augenschein nehmen, um sie klimafreundlicher und nachhaltiger zu gestalten. Das Zentrum für nachhaltige Unternehmensführung der Universität Witten/Herdecke hat insgesamt 44 Anforderungen identifiziert, die zu einem nachhaltigen Wirtschaften führen. Bildungseinrichtungen wie Hochschulen haben abgesehen von diesen betrieblichen Änderungen, welche jeder größere Betrieb verfolgen könnte, noch einen weiteren Bereich, in der Nachhaltigkeit eine große Rolle spielen sollte: die Lehre.

Wie definiert sich Nachhaltigkeit in diesem Artikel?

Den Begriff „Nachhaltigkeit“ benutzen wir in diesem Artikel nach den folgenden Definitionen. Zum einen verstehen wir Nachhaltigkeit nach der Brundtland-Definition, welche die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen 1987 veröffentlicht hat. Sie besagt, dass Nachhaltige Entwicklung eine Entwicklung ist, „die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Zum anderen verstehen wir Nachhaltigkeit laut dem Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigen Entwicklung. Dieses Nachhaltigkeitskonzept fordert die gleichzeitige und gleichwertige Berücksichtigung von sozialen, ökonomischen und ökologischen Faktoren bei der Erreichung von gesamtgesellschaftlichen Zielen.

  • Soziale Nachhaltigkeit bedeutet unter anderem, dass eine Gesellschaft beziehungsweise ein Staat so organisiert ist, dass Konflikte und Spannungen friedlich ausgetragen werden können. Menschen sollten nicht auf Kosten von Wachstum und Konsum ausgebeutet und in inhumane Arbeitsverhältnisse gedrängt werden.
  • Mit ökonomischer Nachhaltigkeit ist gemeint, dass Ressourcen nicht für wirtschaftliche Zwecke verschwendet und bis zur Erschöpfung abgebaut werden sollten. So ist Wirtschaften nur dann nachhaltig, wenn es auf lange Sicht betrieben werden kann.
  • Ökologisch nachhaltig ist parallel dazu ein Verhalten, welches die natürlich Ressourcen nur in dem Maße beansprucht, in dem sich die Ressourcen auch wieder generieren können.

Wie funktioniert Nachhaltigkeit in der Lehre?

Es gibt ein verbreitetes Konzept an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Bildung: “Bildung für Nachhaltige Entwicklung”, kurz BNE. Dabei handelt es sich um ein weltweites Programm der UNESCO, welches folgendes Ziel verfolgt:

“Bildung und Lernen so zu gestalten, dass jeder Mensch das Wissen, die Fähigkeiten, Werte und Einstellungen erwerben kann, um zu einem gerechteren, friedlichen und nachhaltigeren gesellschaftlichen Zusammenleben beitragen zu können.”

Bildung für Nachhaltige Entwicklung soll zu zukunftsfähigem Handeln und Denken befähigen. Grundsätzlich bedeutet das, dass man imstande ist zu reflektieren, wie persönliche Entscheidungen Menschen nachfolgender Generationen in anderen Erdteilen, aber auch in der eigenen Kommune beeinflussen. Man soll sich damit auseinandersetzen, welche Auswirkung die Art des privaten Konsums und die Wahl der Fortbewegungsmittel hat und wie diese Entscheidungen mit globalen Mechanismen wie Konflikten und Fluchtbewegungen zusammenhängen.

Auf die Hochschulbildung bezogen bedeutet BNE eine Lehre umzusetzen, welche die Studierenden nicht nur auf die Fragen der jeweiligen Disziplin vorbereitet, sondern darüber hinaus Fragen der Nachhaltigkeit einbezieht:

“BNE ermöglicht es allen Menschen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.”

Auch die Leitfäden von HOCHN  für die Lehre bauen auf diesem Programm auf. Schauen wir uns beispielsweise die Betriebswirtschaftslehre (BWL) an, also, wie ein Unternehmen funktioniert und wie man auf einem bestimmten Markt agiert. Typische Fragen der BWL sind:

  • Wie können Gewinne gesteigert werden, während die Arbeitszufriedenheit und Effizienz hoch ist?
  • Welche Unternehmensstrategie wird gefahren?
  • Wie mit der Konkurrenz umgehen, vor allem in Zeiten zunehmender Globalisierung und Digitalisierung?

Dabei bleiben Fragen bezüglich ethischer und nachhaltiger Gesichtspunkte oft auf der Strecke. Ein Bewusstsein für ethische Aspekte im Rahmen der Nachhaltigkeit sollte also nach HOCHN bereits im Studium (wenn nicht bereits vorher) geschaffen werden. Darüber hinaus fordert das Konzept der BNE, dass Methoden gelehrt werden, wie man mit diesen Fragestellungen umgeht. Es soll so aufgezeigt werden, wie in der Berufswelt Nachhaltigkeit zu einer Selbstverständlichkeit werden kann.

Diese Überlegungen sind nicht speziell auf die Betriebswirtschaftslehre bezogen, genauso müssen Ingenieurinnen, Politikwissenschaftler, Agrarwissenschaftlerinnen und andere Fachdisziplinen lernen, Fragen der Nachhaltigkeit miteinzubeziehen und darüber hinaus Reflexions- und Gestaltungskompetenzen sowie partizipative Problemlösungs- und Entscheidungsfähigkeiten zu entwickeln.

Über die Autorinnen

Barbara Herr, Flora Dicke und Leona Schupp

Barbara Herr (Philosophie, Politik und Ökonomik im 6. Semester), Flora Dicke (Philosophie, Politik und Ökonomik im 7. Semester) und Leona Schupp (Humanmedizin im 5. Semester) bilden das Team des Initiativlabors an der Universität Witten/Herdecke. Das Initiativlabor ist ein Vernetzungspool für engagierte Studierende und bestehende Initiativen. Zudem verkörpert es das Nachhaltigkeitsbüro an der Universität Witten/Herdecke (UW/H), welches seit 2016 institutionell in die Hochschulpolitik eingegliedert ist. In diesem Rahmen befasst sich das studentische Team mit verschiedenen Themen der Nachhaltigkeit an der UW/H und in der Stadt Witten.

Was denkst du?

Gibt es Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit an deiner Hochschule? Findest du es sinnvoll, wenn Hochschulen sich bei diesem Thema engagieren oder hast du kritische Entwicklungen beobachtet?

Wir freuen uns über deinen Kommentar zu diesem Thema!

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