Digitalisierung setzt der Zahnmedizin die Krone auf
Wie sich die zahnmedizinische Branche zu mehr Nachhaltigkeit entwickelt
Gesamtgesellschaftlich ist Nachhaltigkeit in aller Munde. Nicht nur bei den Trend-Themen wie Mode, Ernährung oder Energie. Auch im medizinischen Sektor bekommt Nachhaltigkeit immer mehr Bedeutung. Im Interview berichten die beiden Zahnmedizin-Experten Stefan Zimmer und Frank Tolsdorf von der Universität Witten/Herdecke, wie der Praxisalltag nachhaltiger gestaltet werden kann und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt. Sie diskutieren die Frage, bei wem die Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit in der Medizin liegen sollte: Bei den Patient:innen oder beim Staat?
Lieber Herr Zimmer, lieber Herr Tolsdorf, die Zahnmedizin der Universität Witten/Herdecke wurde bereits für ihr nachhaltiges Engagements ausgezeichnet. Zudem sind Sie beide schon Jahrzehnte im zahnmedizinischen Sektor tätig. Welche Relevanz hat Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin aus Ihrer Sicht?
Stefan Zimmer: Eines der 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) ist das Ziel „ein gesundes Leben für alle“. Hier spielt auch die Zahnmedizin eine wesentliche Bedeutung. Unser Schwerpunkt in der Klinik sowie in der Forschung und Lehre ist dabei die Prävention.
Frank Tolsdorf: Aus meiner Erfahrung heraus sind es vor allem die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte oder Personen mit Kindern, die das Thema Nachhaltigkeit in den Praxis- oder Klinikalltag holen. Aber insgesamt war es doch immer eher ein Nischenthema.
Werden wir konkret und schauen zuerst auf den Praxisalltag in ihrer Zahnklinik. Wie lässt sich dieser nachhaltiger gestalten?
Stefan Zimmer: Es gibt verschiedene Gebiete der nachhaltigen Kompetenz. Ein sehr großer Bereich ist die Digitalisierung: Wie können Prozesse in der Verwaltung und Kommunikation digitalisiert werden? Auch die digitale Behandlung, Prothetik und digitaler Zahnersatz sind von hoher Relevanz.
Beim Thema Nachhaltigkeit denken Viele nicht zuerst an die Digitalisierung…
Stefan Zimmer: Ja, das ist richtig. Aber gerade in der Zahnmedizin spielen digitale Lösungen eine große Rolle zur Einsparung von Ressourcen und umweltschädlichen Materialien. Wir haben zum Beispiel den Bereich „Digitales Röntgen“. In analoger Technik ist Röntgen wegen der benötigten Chemikalien, die später entsorgt werden müssen, ein extrem umweltschädliches Verfahren. Darüber hinaus ist es für die Mitarbeitenden nicht gesund. Bereits im Jahr 2008 sind wir komplett auf digitales Röntgen umgestiegen. Wir haben nun keine Materialien mehr, die entsorgt werden oder analog entwickelt oder archiviert werden müssen. Auch sind wir gerade dabei, uns auf sogenannte digitale Abformungen umzustellen. Haben Sie schon mal eine Krone bekommen?
Nein, bisher nicht. Nur eine Beißschiene. Gilt das auch?
Stefan Zimmer: Ja, das lassen wir gelten. Bei beiden bekommen die Patientinnen und Patienten einen Metalllöffel mit Material in den Mund gesteckt. Der Löffel bleibt dabei sehr lange im Mund und geht schwer wieder raus. Oft müssen die Abdrücke wiederholt werden, und am Ende entsteht viel Abfall in Form von Silikonen. Wir wechseln jetzt als eine der ersten Praxen nahezu komplett zu digitalen Verfahren: Hier geht man mit einer kleinen Kamera in den Mund und scannt die präparierten Zähne ab. Das Ergebnis wird digital zum Zahntechnik-Team geschickt, das bei uns im Haus sitzt und digital die Krone oder den Zahnersatz konstruiert und digital herstellt. Somit fallen die Transportwege von Materialien und Modellen komplett weg und auch überschüssige Materialien, die beispielsweise beim Ausfräsen eines künstlichen Zahnes entstehen, verfallen. Hier sind wir wirklich Vorreiter, weil wir das Thema früh zur Chefsache gemacht haben.
Jetzt haben wir vor allem über digitale Prozesse gesprochen. Welche weiteren Aspekte müssen in der nachhaltigen Zahnmedizin berücksichtigt werden?
Stefan Zimmer: Themen wie Materialien, Reinigung, Pflege, Desinfektion und Hygiene oder die korrekte Entsorgung von Müll sind weitere Bausteine. Ein weiterer großer Punkt ist das Ressourcen-Management: Welche Materialien setzen wir überhaupt ein? Sind es Materialien, die nachhaltig hergestellt und recycelt werden können? Darüber hinaus gibt es noch die großen Themen Umweltbewusstsein und Fortbildungen.
Frank Tolsdorf: Es sind viele kleine Maßnahmen, die zusammengenommen einen großen Unterschied machen können. Mülltrennung zum Beispiel haben wir lange nicht gemacht, aber nun natürlich eingeführt. Wir arbeiten mit Werkstoffen, die aus der ganzen Welt kommen. Wir wissen zum Teil nicht, ob die gut abbaubar sind oder wie sie hergestellt werden. Das musste und muss weiterhin für den täglichen Klinikbetrieb neu bewertet werden.
„Wir können als großer Abnehmer Druck auf den Markt ausüben“
Kann ich mir das wie bei Lebensmitteln vorstellen: Nur noch regional einkaufen ist besser?
Frank Tolsdorf: Nein, so weit sind wir leider noch nicht. Es geht erstmal darum, Nachhaltigkeitsfragen in Ausschreibungen gegenüber Lieferanten zu berücksichtigen. Normalerweise nimmst du einen Katalog, legst dem einigen Zuliefern und Händlern auf den Tisch und sagst „Mach uns den besten Preis“. Jetzt ist es wichtig, den Nachhaltigkeitsaspekt in die Ausschreibung mit aufzunehmen. Wir verpflichten uns dabei nach dem ZNU-Standard: Alle unsere Händler werden danach geprüft, ob sie das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda haben und berücksichtigen. Als großer Abnehmer können wir so Druck auf den Markt ausüben und bewirken damit, dass sich dieser mit Blick auf Nachhaltigkeit positiv verändert.
„In Zukunft wollen wir in der Lehre Nachhaltigkeit immer und überall mitdenken und etablieren.“
Wir haben jetzt viel über Nachhaltigkeit im Praxis- und Klinikalltag gesprochen. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Lehre und Forschung?
Stefan Zimmer: In der wissenschaftlichen Betrachtung ist Green-Dentistry bisher zumindest in Deutschland nicht wirklich ein Thema. In Großbritannien und USA gibt es dazu aber Studien. Hier wurde herausgefunden, dass ein sehr bedeutender Punkt das Thema Transport ist – also der Arbeitsweg der Mitarbeitenden oder der Transport der Patientinnen und Patienten. Dies haben wir uns zu Herzen genommen.
Unsere Lehrorte sind insbesondere in den medizinischen Fächern in ganz NRW verteilt. Der Hauptcampus und die Zahnklinik ist in Witten, aber die Studierenden müssen regelmäßig zum Beispiel nach Köln, Wuppertal oder Dortmund in unsere Kliniken oder kooperierende Lehrpraxen fahren. Um Transportwege einzusparen, haben wir analysiert, welche Fahrten wir den Studierenden wirklich noch zumuten müssen. Wo immer es ging, bleiben wir jetzt bei Seminaren im digitalen Raum und nur wenn der Kontakt mit Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle spielt, müssen die Studierenden an die entsprechenden Standorte fahren.
Zudem planen wir derzeit ein Forschungsprojekt, das sich damit beschäftigt, an welchen Stellen in der Patientenversorgung die Telemedizin eingesetzt werden kann, um auch hier wieder unnötige Krankentransporte und damit CO2-Ausstoß zu vermeiden. In Zukunft wollen wir in der Lehre Nachhaltigkeit immer und überall mitdenken und etablieren. Künftig wollen wir dem Thema Nachhaltigkeit in jedem Seminar Platz geben: Wir machen quasi einen Abgleich zwischen dem Schwerpunktthema des Seminars und dem Nachhaltigkeitsaspekt und stellen uns die Frage: An welchen Stellen müssen wir bei dem jeweiligen Themenkomplex die Nachhaltigkeit berücksichtigen?
„Der Staat sind wir alle und wir alle müssen auch einen Beitrag leisten“
Wenn man über Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin spricht, dann scheint die Digitalisierung das zentrale Thema zu sein. Dadurch werden CO2 und auch Zeit gespart. Werden auch Kosten gespart oder ist diese Transformation eine wirtschaftliche Belastung?
Frank Tolsdorf: Durch Digitalisierung hat man allgemein gesagt erstmal einen Kostenvorteil, wenn die genutzte Infrastruktur vernünftig ist. Im Bereich der Verbrauchsmaterialien wird sich das noch zeigen. Üblicherweise werden Umweltschäden in die Verkaufspreise nicht eingepreist. Das heißt: Solange Staaten oder supernationale Organisationen nicht regulierend eingreifen, muss der individuelle Verbraucher immer eine Mehrausgabe leisten, um die Umwelt zu schützen. Weil es hier keine gesetzlichen Regelungen gibt, wird diese Verantwortung derzeit leider auf den Endkonsumenten abgewälzt. Aber viele Bürgerinnen und Bürger möchten nicht durch das Geschäft rennen und nach dem nachhaltigsten und fairsten Produkt suchen müssen, sondern setzen voraus, dass der Staat dafür sorgt, dass Produkte angeboten werden, die zum Beispiel sozial gerecht und umweltfreundlich produziert worden sind.
Ok verstehe. Wenn mir das Zahnfleisch blutet, dann ist mir die Nähe zur Praxis, um mein Leiden schnell zu lindern, wichtiger, als eine Praxis zu recherchieren, die besonders nachhaltig ist.
Frank Tolsdorf: So sieht es aus.
Stefan Zimmer: Leider ist die Welt nicht so einfach. Wenn wir uns darauf festlegen, nur noch nach irgendwelchen Standards sozial hergestellte Produkte zu importieren, dann kann das schnell zu Import-Restriktionen führen und dann bekommen wir ein Riesenproblem. Doch finde ich, dass man als mündiger Bürger und Verbraucher nicht einfach die Verantwortung beim Staat abgeben kann. Denn der Staat sind wir alle und wir alle müssen auch einen Beitrag leisten. Sonst wird es nicht funktionieren. Wir können nicht einfach den Laden für alle ausländischen Produkte zu machen. Und das wäre die Konsequenz. Die Käuferin oder der Käufer kann die Nachfrage mitbestimmen.
Frank Tolsdorf: Und ich finde, dass die Käufer nicht die Entscheidungskompetenz haben. Nicht, weil sie nicht schlau genug sind, sondern weil zu viele Entscheidungen im Raum stehen, die getroffen werden müssen. Das Thema ist sehr komplex.
Stefan Zimmer: Ja richtig, das ist zu berücksichtigen. Letztlich stehen wir alle in der Verantwortung: Als Zahnarztpraxis können wir einen Beitrag leisten, indem wir uns der Nachhaltigkeit verschreiben, als Patientin oder Patient kann ich kritisch nachfragen oder höhere Preise für nachhaltigere Produkte in Kauf nehmen, um die Umwelt zu schonen.
Herr Zimmer und Herr Tolsdorf: Vielen Dank für diesen tollen Einblick in die Welt der Nachhaltigkeit in der Zahnmedizin!
Über die Interviewpartner:
Prof. Stefan Zimmer ist Lehrstuhlinhaber und Professor für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Fakultät für Gesundheit sowie Leiter des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Universität Witten/Herdecke (UW/H).
Dr. Frank Tolsdorf ist Leiter der Universitätszahnklinik Witten/Herdecke und kaufmännischer Leiter des Zentrums für Psychische Gesundheit und Psychotheraphie an der Fakultät für Gesundheit an der Universität Witten/Herdecke (UW/H).