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Blog Universität Witten-Herdecke | Katharina Weghmann: „In Witten gemeinsam den ‚Good Fight‘ kämpfen“

„In Witten kommen Menschen zusammen, die gemeinsam den ‚Good Fight‘ kämpfen“

Praxispartnerin Katharina Weghmann über die eigene Bestimmung, Ethik in der Arbeitswelt und das Transformationspotenzial der Uni Witten/Herdecke

Katharina Weghmann hat nie an der Uni Witten/Herdecke (UW/H) studiert – und doch fühlt sich Witten für sie an wie ein zweites Zuhause. Mehr noch: Für die Ethik-Beraterin von Ernst & Young ist die UW/H „wie ein Spa“, an dem sie neue Energie tanken kann, weil hier so viele engagierte Menschen zusammenkommen, die sich für einen positiven Wandel engagieren. Im Interview erzählt sie, was ihr das Aufsichtsratsmandat und die Lehrtätigkeit bedeutet, und welche Fähigkeiten künftige Führungskräfte mitbringen sollten, um die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit zu meistern.

Was ist für dich das Besondere an Witten und warum engagierst du dich so für die UW/H?

Nach Witten zu kommen, fühlt sich an, wie ins Spa zu gehen. Es ist dieses Gefühl, das entsteht, wenn man in Witten ist. Hier kommen Menschen in ihrer Diversität und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammen, die sich der Prämisse verschrieben haben, selbst Verantwortung zu übernehmen, die Gesellschaft nach vorne zu bringen, die Transformation anzupacken. Witten ist einfach ein besonderer Ort – eine Energiequelle aus vielen Menschen, die ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten.

Wenn man in der Wirtschaft unterwegs ist, hat man manchmal das Gefühl, ganz alleine zu sein mit seinen Themen, mit dem Wunsch, den positiven Wandel voranzutreiben. Deshalb ist es so wichtig, zu wissen, dass hier ein Ort gegründet wurde, an dem hunderte, tausende Menschen immer wieder zusammenkommen, um den „Good Fight“ zu kämpfen – und zwar in ganz unterschiedlichen Kontexten.

Inzwischen bist du seit über drei Jahren Mitglied im Kuratorium des Reinhard-Mohn-Instituts der UW/H, seit mehr als zwei Jahren im Aufsichtsrat der UW/H und der Uni außerdem als Praxispartnerin für den Studiengang Strategy & Organization verbunden. Was konntest du aus dieser Zeit für dich mitnehmen?

Im Laufe der Jahre sind viele Freundschaften entstanden. Dank dieses Netzwerks kann ich immer wieder Menschen miteinander verknüpfen. Ich durfte zahlreiche Lernerfahrungen sammeln und habe so viele Impulse, Gedankenanstöße und Perspektiven von Studierenden, Kollegen und Kolleginnen bekommen, dass ich sie gar nicht aufzählen kann.

Nicht zu vergessen: Es macht auch einfach total viel Spaß. Man darf im Zuge der Berufung und der ganzen Verantwortung nicht vergessen, wie wichtig es auch ist, dass wir Freude haben an dem, was wir tun. Mit der Lehrtätigkeit institutionalisiere ich auch Freude in meinem Leben. Nicht, dass ich sonst keine Freude erlebe, aber trotzdem ritualisiere ich sie gerne.

Deine Lehrtätigkeit ist ein gutes Stichwort. Seit 2012 kommst Du regelmäßig an die UW/H, um deine Erfahrungen weiterzugeben. Was nimmst du aus den Blockseminaren für den Studiengang Strategy & Organization mit?

Es gab kein Seminar, nach dem ich nicht dachte: „Wow, das müssen wir direkt umsetzen. Die Person muss sich mit der Person irgendwie verknüpfen.“ Es ist einfach Wahnsinn, wie jede Begegnung zu so vielen weiteren Themen, weiteren Begegnungen und weiteren inhaltlichen Auseinandersetzungen führen kann.

Offen gesagt muss ich auch gucken, wo ich meine limitierte Zeit einsetzen möchte, um einen größtmöglichen Impact zu haben. Bildung ist für mich einer der größten Werttreiber für eine Gesellschaft und auch für die persönliche Entwicklung eines jeden Menschen. Die Bildung hier in Witten bietet ein riesiges Transformationspotenzial. Deshalb denke ich, dass das hier das richtige Investment meiner wenigen Zeit ist.

Hauptamtlich arbeitest du für Ernst & Young (EY) und damit für eines der vier größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen der Welt. Wie reagieren die Studierenden auf dich als Praxispartnerin?

Das ist auch für mich immer wieder spannend. Ernst & Young ist ja extrem prominent in bestimmte Fälle verwickelt und Teil eines größeren Systems. Gemeinsam mit den Studierenden arbeiten wir auf, wie komplex die Dynamik zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ist, und dass die Welt nicht so einfach in Gut oder Böse unterteilt werden kann.

Wir Menschen neigen dazu, die Welt zu vereinfachen.  In diesem Format stehe ich den Studierenden als Projektionsfläche zur Verfügung, damit sie diese Themen durchbrechen und reflektieren können. Ich versuche dabei zu helfen, die Dinge multidimensionaler und komplexer zu sehen, weil das nun mal die Realität ist, in der wir leben. Das hat durchaus Konfliktpotenzial, da bestehende und unter Umständen tief verwurzelte Sichtweisen und Denkmuster in Frage gestellt oder gar widerlegt werden. Das kann manchmal schon zu Widerstand, aber auch zu neuen oder überraschenden Erkenntnissen auf beiden Seiten führen. Diese Gespräche zahlen sich jedes Mal aus, weil diese gemeinsame Durcharbeitung von Konflikten und Dilemmata uns alle weiterbringt und uns hilft, komplexere Abläufe und Dynamiken zu verstehen, durchzudenken und zu hinterfragen. Dieser Realitätscheck ist unglaublich spannend und wertvoll.

Du verantwortest bei Ernst & Young die Geschäftsbereiche Integrität, Unternehmenskultur sowie Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Als Expertin für Unternehmensethik weißt du, wie schwer, aber auch wie dringend nötig es für Unternehmen ist, sich umzustellen und zukunftsfähig die Themen Nachhaltigkeit, Integrität und Verantwortung anzugehen. Welche Fähigkeiten sollten künftige Führungskräfte mitbringen, um diese Herausforderung zu meistern?

Erstens: eine gute Portion realistischen Optimismus. Wir dürfen nicht unterschätzen, was es für ein Kraftaufwand bedeutet, die Transformation zu einer sozialgerechten, ökologischen Welt global umzusetzen. Ein realistischer Optimismus hilft uns, auf der einen Seite den Kraftaufwand zu sehen und gleichzeitig optimistisch zu sein, dass wir das schaffen können. Dazu muss man in der Lage sein, sich mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen und herauszufinden, wie man stabil, resilient und mit sich selbst in einer guten Beziehung bleibt.

Zweitens: Interdisziplinarität. Die Herausforderung ist so komplex, dass es diese eine Disziplin, diese eine Regel oder diese eine Lösung einfach nicht geben wird. Es müssen alle Disziplinen zusammenkommen. Studierende müssen meines Erachtens auch die Fähigkeit besitzen, Transfer von einem Kontext zum anderen oder von einer Disziplin zur anderen zu leisten und auch den Mut haben, Disziplinen zusammenzubringen, über die wir noch nie nachgedacht haben. Dazu benötigt es auch das Eingeständnis, dass man nicht alle Herausforderungen mit seinem eigenen Fachgebiet allein lösen kann.

Was mich zur dritten Fähigkeit bringt: Man muss auch Change Agent sein können. Man darf sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen lassen und muss stattdessen an seiner Berufung festhalten. Darin unterstützt Witten die Studierenden ganz besonders, weil die Werte, die draußen auf den Fahnen stehen, tatsächlich auch gelebt und gelehrt werden.

Viertens werden die sogenannten 21st Century Skills wie Kommunikation, kritisches Denken oder verantwortungsvolle Führung immer wichtiger, was einerseits offensichtlich ist, andererseits oft unterschätzt wird. Auch hier ist Witten prädestiniert, weil die Entwicklung dieser Skills besonders durch das  WittenLab/ Studium fundamentale im Fokus steht.

Wie werden die Studierenden des Studiengangs Strategy & Organization (S&O) in diesen Fähigkeiten geschult?

Mich begeistert die Verknüpfung von Theorie und Praxis im Studiengang S&O. Man versteht die Dynamik des Systems durch theoretische Modelle, die angewendet werden auf die Praxis und andersrum. Das macht das Gelernte viel realer. Prof. Möllering achtet darauf, die Lehrinhalte immer wieder zurückzubringen zur eigenen Verantwortung: Was bedeutet das für dich, was machst du damit und wie wirkt sich das aus auf deinen eigenen Werdegang oder deine Charakterbildung? Darüber hinaus finde ich den engen Austausch mit der Wirtschaft extrem wichtig, sowohl für die Praxispartnerinnen und Praxispartner selbst als auch für die Studierenden.

Ich finde es spannend, dass in der heutigen Zeit Nachfrage und Angebot in Witten so perfekt zusammenkommen. Der positive Wandel, den die junge Generation richtigerweise einfordert, wird hier  schon seit Jahrzehnten praktiziert, kultiviert und institutionalisiert. Die Uni muss sich also nicht erst transformieren oder neu definieren wie andere Unis, um dieser Nachfrage entgegenzukommen. Sie braucht keine Change-Kampagne. Denn man darf nicht vergessen, dass sich auch die Bildungslandschaft anpassen muss, um der Transformation gerecht zu werden. Hier in Witten wird der positive Wandel bereits gelebt.

Auf diesen positiven Wandel und deine persönliche Rolle im Zuge der Transformation möchte ich abschließend noch genauer eingehen. Du hast betont, wie wichtig es ist, seinen Purpose zu kennen und daran festzuhalten. Was ist deine ganz persönliche Vision?

Ethik und Philosophie haben mich schon immer fasziniert. Es fasziniert mich, wie wir als Individuen und als Gesellschaft wachsen und lernen können. Mein Ziel ist es, meinen eigenen kleinen Beitrag zu leisten, um diese Entwicklung voranzutreiben.  Aber erst durch die Finanzkrise konnte ich das für mich richtig einordnen und definieren. Ich war erschüttert, wie unser Finanzsystem über Nacht Millionen von Menschen in den Ruin treiben kann. Ich habe daraufhin vier Jahre lang an der Columbia University geforscht. Für meine Dissertation habe ich Whistleblower aus der Finanzbranche in Europa und den USA zu ihren Erfahrungen interviewt. Diese Menschen wurden dafür gefeuert, dass sie uns vor der Finanzkrise gewarnt haben, aber keiner zuhören wollte. Da habe ich realisiert, dass ich es zu meiner Aufgabe machen muss, die Stimme zu sein von Menschen, deren Stimme wir nie gehört haben. Durch ihre Perspektive habe ich ganz neue Einblicke bekommen. Seitdem konnte ich die Welt und die Wirtschaft nie wieder anders sehen.

Als ich dann meine Dissertation an der Columbia verteidigen musste, fragte mich einer der Professoren, ob mir bewusst sei, dass dies erst der Anfang sei, dass ich jetzt nicht aufhören könne. Es sei jetzt meine Verantwortung, dieses Wissen und meine Privilegien für etwas Größeres zu nutzen. Und das versuche ich seither, so gut ich es kann.

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