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Blog Universität Witten-Herdecke | Planetare Verantwortung in der Unternehmenswelt

Planetare Verantwortung in der Unternehmenswelt

Es gibt Unternehmen, die aus Profitgier alles in Kauf nehmen. Das ist keine Polemik, sondern bittere Realität. Ein Gastbeitrag von Nicole Steller aus der Themenreihe „planetare Bildung“ im Vorfeld der SWITCH-Konferenz.

 

In der Tragödie aus den Jahren 2018/2019, bei der zwei Boeing 737-Max-Flugzeuge annähernd senkrecht vom Himmel fielen, was den Tod von beinahe 350 Menschen zur Folge hatte, sehen wir die dunkelste Seite der Profitgier. Über Jahre hinweg wurden Management-Entscheidungen mit nur einem Ziel und großer Präzision getroffen: der Maximierung des Profits. Es starben nicht nur Menschen; auch die Umwelt erlitt durch Blei, Quecksilber und auslaufenden Treibstoff zusätzlich zu dem ohnehin umweltschädigenden Flugzeug-Business weitreichende Schäden.

Solche Unternehmensskandale zeigen die Spitze des Eisbergs der durch die Macht des Profits in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem verursachten verheerenden Katastrophen für Menschen und den Planeten. Doch bevor wir uns in der Kritik des Kapitalismus verlieren, treten wir einen Schritt zurück, um uns zu fragen, welche alternativen Formen des unternehmerischen Wirtschaftens es bereits gibt.

SWITCH-Konferenz an der Uni Witten/Herdecke

In planetaren Zusammenhängen denken und in planetarer Verantwortung handeln

Die SWITCH-Konferenz für planetare Bildung findet am 14. und 15. September an der Universität Witten/Herdecke statt und zielt darauf ab, ein neues Bewusstsein für die komplexen Wechselwirkungen zwischen Natur, Gesellschaft und Wirtschaft zu vermitteln und völlig neue Lösungen zu entwickeln: Wie können wir lernen, in planetaren Zusammenhängen zu denken und in planetarer Verantwortung zu handeln? Wie gestalten wir ein regeneratives und resilientes Wirtschaftssystem? Wie setzen wir konkrete Nachhaltigkeitsziele um? Was braucht es für neue Formen der Zusammenarbeit? Wie können und müssen wir uns selbst transformieren?

Mehr Infos unter https://planetare-bildung.de.

Purpose-driven businesses

Bei den ersten Recherchen für meine Doktorarbeit stieß ich auf Unternehmen, die einem alternativen Paradigma folgen. „Purpose-driven Businesses“ richten ihre Geschäftsentscheidungen, Prozesse und Aktivitäten auf einen höheren Sinn und Zweck aus, der Profitmaximierung depriorisiert und dennoch als wesentlich betrachtet, um seinen Zweck zu realisieren. Die Bestimmung des Unternehmens, warum die Organisation existiert, kann dabei von ökologischer Verantwortung bis hin zur Förderung von Diversität und Inklusion reichen.

Trotz der oft abstrakten Definition von „Purpose“ und „purpose-driven Businesses“ sind sich Forschende einig, dass der Dreh- und Angelpunkt für das gesamte Geschäftsmodell die Erfüllung des Purpose sein sollte. Mittlerweile sind Unternehmen verschiedenster Industrien und Größen internationale Beispiele für purpose-driven Unternehmen.

Der Purpose des amerikanischen Outdoor-Bekleidungsherstellers Patagonia geht auf den Gründer Yvon Chouinard zurück. Er gründete das Unternehmen, damit die Menschen wilde Orte erkunden können, was ihn zu dem Schluss führte, dass das Unternehmen auch wilde Orte schützen sollte. Mit dem Wachstum des Unternehmens wuchs auch sein Engagement für den Schutz von Naturlandschaften.

 

Ende 2022, ein halbes Jahrhundert nach der Gründung, haben Yvon Chouinard, seine Frau und seine beiden Kinder ihr Eigentum an Patagonia, das mit 3 Milliarden Dollar bewertet wird, auf einen speziell dafür eingerichteten Trust und eine gemeinnützige Organisation übertragen. Sie wurden gegründet, um die Unabhängigkeit des Unternehmens zu bewahren und sicherzustellen, dass alle Gewinne – etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr – zur Bekämpfung des Klimawandels und zum Schutz von unerschlossenem Land auf der ganzen Welt verwendet werden.

Weitere Unternehmen wie Unilever, Ben & Jerry ́s, Tata Group, Ecosia, DTE Energy oder die Anwaltskanzlei Novalex sind Teil eines wachsenden Purpose-Ökosystems. Ähnlich wie Sozialunternehmer:innen zeigen sie den Mut, ein radikal anderes Verständnis vom Sinn des Unternehmens zu verfolgen.

Das Start-up Einhorn ist für mich ein Musterbeispiel für einen radikalen SWITCH im Business-Mindset vieler junger Unternehmen. Es stellt Menschen und ihre Bedürfnisse vor den Profit und agiert nicht auf Kosten des Planeten. Nachdem die zwei Gründer ihre Unternehmensanteile an das Unternehmen übertragen haben, fließen alle Gewinne zurück ins Unternehmen, um ausschließlich die Entwicklung des Unternehmens nachhaltig zu fördern. Einhorn ist in Verantwortungseigentum strukturiert, so dass das Start-up nicht zu  Spekulationszwecken verkauft werden kann, was wiederum den langfristigen Fokus auf den Unternehmenszweck gewährleistet.

 

Einhorn versteht sich selbst als Wirtschaftslabor, in dem neue und progressive Praktiken ausprobiert werden, mit dem Ziel, Geld und Vergütung mit Werten und Wertschöpfung in Einklang zu bringen. Die Mitarbeitenden bestimmen selbst über ihr Gehalt sowie ihre Arbeitszeit. Angestrebt wird, nachhaltig produzierten Kautschuk nicht nur wie bisher für Hygieneprodukte, sondern zum Beispiel auch für die Produktion von Autoreifen bereitzustellen – und damit die bisher ausbeuterischen Verhältnisse im Kautschukanbau auf der Welt beispielhaft neu auszuhandeln.

In unserer Situation auf diesem Planeten, die nach einem radikalen Umbruch des Wirtschaftssystems schreit, scheint es für mich absurd, wenn Alternativen unternehmerischer Herangehensweisen wie purpose-driven Businesses als lächerlich, naiv und fast unmöglich abgetan werden. Je mehr ich mich mit den empirischen Forschungsergebnissen vertraut mache, desto optimistischer bin ich, dass Unternehmen die Transformation unseres Wirtschaftssystems positiv beschleunigen könnten, ohne dabei langfristig zurückzustecken. Im Gegenteil: Sie könnten selbst davon profitieren. Es zeigt sich empirisch, dass purpose-driven Businesses langfristig eine bessere Performance erzielen.

Mehr dazu im WittenLab-Magazin 4/2023

Sonderausgabe zur SWITCH-Konferenz

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem WittenLab-Magazin 4/2023, das zur SWITCH-Konferenz im September erscheint und sich mit verschiedenen Aspekten planetarer Bildung befasst. Sie können das Magazin nach Erscheinen im Intranet der UW/H herunterladen.

Purpose Washing

In Zusammenarbeit mit Praktiker:innen erlebe ich, wie herausfordernd und kompliziert die Umsetzung alternativen Wirtschaftens in der Praxis ist. Während der Unternehmens- Purpose für ein StartUp am Anfang noch glasklar ist, verschwimmt er leicht in der alltäglichen Unternehmensrealität und den zahlreichen Einflussfaktoren ihrer Entscheidungswirklichkeit.

Deshalb widme ich mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung in meiner Doktorarbeit dem Purpose-Konzept und seinen Komplikationen. Darunter die Risiken, finanzielle Ergebnis konzentrieren, Limitationen sowie negative Konsequenzen des Purpose Washings. Dabei wird offensichtlich, wie leicht sich die wohlklingende Idee eines organisatorischen Purpose ausnutzen lässt, um letztlich doch nur in der Spur der reinen Profitmaximierung zu bleiben.

Ein Unternehmensgigant wie Nestlé behauptet zwar, sein Purpose  sei, unsere Lebensqualität zu verbessern und zu einer gesünderen Zukunft beitragen zu wollen. Doch wenn wir genauer hinschauen, ist das Unternehmen nicht bereit, nach dieser Maxime zu handeln. Hier liegt der Kern des Problems alternativer Konzepte, die wie der Unternehmenspurpose einen Hype erleben: Das bloße Ausrufen eines Purpose poliert kurzfristig das Image auf und erhöht den Umsatz, doch erleiden das Unternehmen, die Umwelt und Gesellschaft letztlich Schäden durch das Purpose Washing.

Angesichts der komplexen planetaren Krisen und enormen Herausforderungen für Unternehmen sehe ich großes Potential darin, zu erforschen, wie Unternehmen mit einem Purpose positiven Einfluss auf unsere planetaren Lebensverhältnisse ausüben können. Es kann gerade jetzt enorm wichtig für Unternehmen sein, ihren Purpose tatsächlich im Sinne eines planetaren Denkens und Handelns auszurichten. Der Purpose kann für ein Gleichgewicht zwischen Gewinn und den Anforderungen von Umwelt und Menschen sorgen und Unternehmen zur stärksten Kraft in der Herbeiführung planetaren Wandels werden lassen. In einem Bewusstsein dafür, dass unternehmerisches Handeln ganz entscheidend zur Erhaltung und Regeneration der natürlichen Systeme der Erde beitragen kann, anstatt sie auszubeuten.

Nicole Steller

Nicole Steller ist seit Juli 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung der Universität Witten/ Herdecke und forscht zum Thema „Purpose-driven Organisationen“.

Sie lehrt zu Organisationskultur, Führung, Business-Ethik und „Social-political Activism“.

Mehr zu ihrer Person auf ihrer Website.

   

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