Gleichstellung an der UW/H: Fünf Fragen an Elisa Mura
Wir sprechen mit der neuen Beauftragten für Gleichstellung und Vielfalt über Empowerment, Sichtbarkeit und Chancengerechtigkeit.
Elisa Mura hat im September 2025 das Amt der Beauftragten für Gleichstellung und Vielfalt an der UW/H angetreten. Verbunden ist sie der Universität aber schon länger: So hat Elisa hier bereits Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie studiert. Seit 2023 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Fakultät für Gesundheit am Department für Humanmedizin tätig und engagiert sich dort in der integrativen Versorgungsforschung. Parallel arbeitet sie freiberuflich in eigener psychologischer Praxis mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Seele als Einheit versteht.
In ihrem Einsatz für Diversität, Gleichstellung und Inklusion setzt sie auf einen offenen Dialog, Wertschätzung und Empathie. Privat schätzt Elisa ein gutes Buch mit einer Tasse Kaffee, entspannt im Wittener Café Leye, steht mit dem Pinsel vor der Leinwand oder ist auf der Yogamatte zu finden.
Im Interview spricht Elisa Mura darüber, was ihr an ihrer neuen Position besonders wichtig ist, wie sie auf gängige Gleichstellungsmythen reagiert und welche gesellschaftlichen Entwicklungen sie beschäftigen.
Du bist jetzt schon einige Monate im Amt. Was reizt dich besonders an dieser Aufgabe?
Empowerment und Sichtbarkeit sind für mich zentrale Hebel, um einen diskriminierungsfreien Raum zu schaffen. Besonders reizt mich daher, dass ich Personen eine Stimme geben kann, die häufig übersehen und nicht gehört werden. Für sie einzustehen, liegt mir sehr am Herzen. Meine Position ermöglicht es mir außerdem, strukturelle Veränderungen anzustoßen und zu steuern, in welche Richtung wir uns in puncto Chancengleichheit und -gerechtigkeit entwickeln.
Was bedeutet Vielfalt für dich persönlich?
Vielfalt heißt für mich, den Blick zu erweitern auf das, was wir vielleicht selbst gerade nicht wahrnehmen können. Ich vergleiche das gerne mit dem Farbspektrum: Wir sehen auch nicht alle Farben, wie etwa Ultraviolett. Das können wir gar nicht wahrnehmen. Und genauso bewegen wir uns auch im Alltag mit unseren eigenen Brillen. Umso wichtiger ist es, darüber hinaus zu sehen und wahrzunehmen, was unsere Gesellschaft alles zu bieten hat.
Oft hört man Sätze wie: „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“ oder „Es gibt größere Probleme als …“. Wie gehst du damit um?
Ich reagiere darauf am liebsten mit Zahlen oder Fakten. Diese Phrasen sind häufig emotional sehr aufgeladen und an subjektive Eindrücke geknüpft. Ich diskutiere aber lieber auf einer sachlichen, handfesten Grundlage. Ob ich in meiner Grundhaltung Feministin bin oder nicht, ist dabei zweitrangig. Vielmehr geht es darum, welche Fakten auf dem Tisch liegen.
Nehmen wir Universitäten als Beispiel: Es gibt viele weiblich gelesene wissenschaftliche Mitarbeitende. Im Laufe des Karrierewegs nimmt ihr Anteil jedoch ab. Bundesweit liegt der Professorinnen-Anteil derzeit bei rund 30 %. Dieses Bild zeigt sich im gesamten deutschen Hochschulsystem. Das verdeutlich, dass wir zwar eine formale Chancengleichheit, aber keine tatsächliche Chancengerechtigkeit erreicht haben. Auf einer solchen Faktenbasis kann man viele sinnvolle Diskussionen führen.
Gibt es bestimmte Begegnungen mit Menschen oder Erfahrungen an der UW/H, die dich besonders inspiriert haben?
Ich kann es nicht an einer bestimmten Person festmachen. Aber in meinen Beratungen spreche ich mit Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Dabei erlebe ich häufig enorme Resilienz, Tatendrang und wichtige Anstöße für meine Arbeit. Mich prägt besonders, wie viel Kraft im Vulnerablen steckt und welche Entwicklungschancen dies mit sich bringt.
Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die dir Sorgen bereiten?
Wir erleben aktuell eine starke Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft. Das bereitet mir große Sorgen. Ich wünsche mir mehr echten Austausch – denn er kann helfen, festgefahrene Positionen zu hinterfragen, aufzubrechen und neue Perspektiven ermöglichen.
Gleichzeitig halte ich es für wichtiger denn je, dass wir uns auf unsere Geschichte berufen, auf das, was wir gelernt haben. Wir müssen wieder in den Dialog treten und uns daran erinnern, dass wir eine Gesellschaft sind und auch nur in dieser Einheit vorankommen können. Ich finde es außerdem wichtig, Themen wie Migration, Inklusion und Gleichstellung nicht aus einer defizitären Perspektive zu betrachten. Als gelernte klinische Psychologin habe ich eine grundsätzlich salutogene Haltung und bin davon überzeugt, dass in Ungleichheit oft viel mehr Chancen und Möglichkeiten liegen als Defizite.
Hast du einen Buchtipp für alle, die sich intensiver mit dem Thema Gleichstellung beschäftigen möchten?
„Nemesis‘ Töchter“ von Tara-Louise Witwer. Es ist ein tolles Buch, weil es geschichtliche Aspekte mit aktuellen Debatten verknüpft und beleuchtet, in welche Bereiche das patriarchale System bis heute wirkt. Gleichzeitig zeigt es aber auch, welche Chancen im Zusammenhalt stecken – und das macht Mut.