Julian Seitlinger: Vom PPÖ-Studium zum Unternehmer in der Erlebnis-Gastronomie
Julian Seitlinger, Alumnus der Uni Witten/Herdecke, spricht über seine erfolgreichen Gründungen, die Anfänge in Witten und darüber, was gutes Essen und Erlebnisse für ihn bedeuten.
Wenn Julian Seitlinger von seinem Unternehmen Cracky erzählt, klingt es nach einer Mischung aus Improtheater, Varieté, versteckter Kamera und Sterneküche. Das Motto: „Alles kann passieren! Es gibt immer gutes Essen und Trinken – der Rest ist offen.“ Die besondere Dining-Experience können Interessierte entweder für private Anlässe buchen oder an einem der Happenings teilnehmen, die einmal im Quartal an öffentlichen Orten stattfinden. Das Erlebnis ist stets einzigartig: So können sich hinter den vermeintlichen Co-Teilnehmenden auch Statist:innen verbergen, die zwischen den einzelnen Gängen plötzlich einen Flashmob oder Zaubertricks aufführen. Auch skurrile Requisiten kommen zum Einsatz, um das Menü in Szene zu setzen. Julian und sein Geschäftspartner Adrian wollten kein klassisches Restaurant-Erlebnis, sondern etwas noch nie Dagewesenes schaffen, das überrascht und unterhält. Was Julian daran besonders reizt: „Wir erleben einfach sehr viel ungefilterte Begeisterung und Dankbarkeit.“
Unerwartetes auf höchstem Niveau – wie aus einer Idee das Unternehmen Cracky wurde
Kennengelernt haben sich die beiden Gründer in Italien an der Università di Scienze Gastronomiche in Pollenzo. An der Slow-Food-Universität haben sie „alles gelernt außer Kochen. Die Universiät ist aus der Slow-Food-Bewegung hervorgegangen – einer Gegenströmung zum wachsenden Fast-Food-Trend –, die das Wissen über eine akademische Institution weitergeben wollte. Es geht um Essenskultur, regenerative Landwirtschaft, Ökologie – aber auch um Gastronomie und Management“, sagt Julian. Den Campus beschreibt er als Mikrokosmos für Food-Nerds aus der ganzen Welt. „Es gab gefühlt jeden Abend ein neues experimentelles Dinner: Mal haben wir die Küchen unterschiedlicher Länder miteinander verknüpft und etwa thailändische Gerichte im Pizzaofen zubereitet, ein anders Mal haben wir einen traditionellen Erdofen errichtet und so ein ganzes Lamm gegart.“
Diese Idee nahm Julian nach seinem Master-Abschluss an der Slow-Food-Uni mit nach Berlin. Um in der Hauptstadt Fuß zu fassen, begannen er und Adrian vor knapp drei Jahren damit, monatliche Dinner-Abende für Bekannte zu organisieren und boten dabei Unerwartetes auf höchstem Niveau. Das Konzept kam gut an und dann ging alles ganz schnell: „Plötzlich war unser Start-up Cracky geboren und schon bald kamen die ersten Brands auf uns zu und beauftragten uns mit der Organisation von exklusiven Weihnachtsfeiern oder anderen Großevents“, erzählt der Gründer. Das Erfolgsrezept sieht Julian in dem eingespielten Team, guter Intuition und Menschenkenntnis: „Wir haben ein gutes Gespür für die Balance aus Professionalität und großem Spaß. Wichtig ist uns, dass die Qualität unter unseren verrückten Ideen niemals leidet. Genau dieses Feingefühl braucht es, um gute Erlebnisse zu kreieren. Viele unserer Privat- und Businesskunden kennen wir so gut, dass wir genau einschätzen können, wie weit wir gehen können.“
Zwischen gesellschaftlichen Fragen, Zukunftsplänen und Ausprobieren: Julians Studium in Witten
Dass Julian den Grundstein für seine Karriere in der Event-Gastronomie mit dem Bachelor PPÖ – Philosophie, Politik und Ökonomik an der Uni Witten/Herdecke gelegt hat, überrascht viele. Für den Alumnus selbst ergibt der Karriereweg dagegen ziemlich viel Sinn. „Ich wollte mich im Studium vor allem mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen“, sagt er und hat in dem interdisziplinären Studiengang den Raum dafür gefunden. Während seine Kommiliton:innen im Laufe des Studiums zunehmend konkrete Karrierevorstellung entwickelten, war Julian zunächst noch unentschlossen. „Ich stellte mir also die Frage: Womit kann ich mich 24/7 beschäftigen? Ich habe schon immer gerne gekocht, also standen Essen und Ernährung ganz oben. Damals stellte ich mir jedoch vor, nach dem Studium in einem Thinktank anzufangen oder Ernährung von der politischen Seite aus zu bearbeiten.“
Neben dem Studium engagierte er sich im Hochschulwerk und arbeitete an der nachhaltigen Ausrichtung der Cafeteria mit. Besonders geprägt hat ihn sein Engagement im studentischen Kulturverein Unikat e. V.: Hier konnten er und sein Team – „die jungen Wilden“ – neue Formate ausprobieren und u. a. Kochevents organisieren, die gut angenommen wurden. „In Witten gab es wenig Konkurrenz, dafür aber viel Freiraum“, erinnert sich Julian. Schritt für Schritt professionalisierten sie den Verein und trugen zur Quartierentwicklung des Wittener Wiesenviertels bei.
Was er außerdem aus Witten für sich mitgenommen hat: „kritisches Denken, strategisches Know-how und ein Netzwerk, dessen Verbindungen bis heute bestehen“. So hat Julian etwa in einem ehemaligen Kommilitonen einen Organisationsberater für sein Unternehmen gefunden. Im März 2026 kehrt der Alumnus außerdem an seine Alma Mater zurück, um das Dinner für die Nachfolgeakademie zu organisieren, die während des 28. Familienunternehmerkongresses an der UW/H stattfindet und namhafte Unternehmen aus ganz Deutschland zusammenbringt.
Zwei Gründungen, ein Antrieb: Erlebnisse schaffen, die verbinden
Um sich gezielter auf Geschäftskunden zu spezialisieren, gründete Julian gemeinsam mit Adrian und einem dritten Partner 2025 das Unternehmen Nivo. „Cracky ist ein eher unkonventionelles Start-up und lebt sehr von Adrian und mir als Gründer. Nivo ist hingegen eine Agentur, die für sich selbst stehen soll“, erklärt Julian. Mit Leistungen wie Business-Events für Mitarbeitende oder Kund:innen, Geschenken und individuellen Formaten unterstützt das Trio Unternehmen in den Bereichen Community Building und Customer Relationship Management. Seiner Begeisterung für gute Erlebnisse bleibt Julian dabei treu: „Wir sehen, dass Kaufentscheidungen eng mit positiven Markenerfahrungen verknüpft sind – und dass persönliche Beziehungen dabei eine zentrale Rolle spielen. Genau hier setzen wir an: Wir helfen Unternehmen, vertrauensvolle Verbindungen zu ihren Kund:innen aufzubauen. Exklusive Veranstaltungen sind ein wichtiger Baustein, den wir passgenau auf die Identität einer Marke zuschneiden.“
Während des Interviews für den UW/H-Blog war er gerade in Japan unterwegs, auf der Suche nach neuen Inspirationen und um Kontakte zu pflegen. Privates und Berufliches gehen bei ihm immer Hand in Hand. Seinen Alltag beschreibt Julian so: „alles selbst und ständig, aber niemals langweilig. Ich habe einfach den besten Job der Welt.“