Kobanê, Istanbul, Witten: Sami Barkals Weg ins Medizinstudium
Sami Barkal ist in der kurdischen Region Rojava in Syrien geboren und 2015 nach Deutschland geflohen. Dass er seinem Traum, Arzt zu werden, einmal so nah sein würde, war für ihn lange nicht vorstellbar. Uns erzählt er, wie seine Erfahrungen ihn geprägt haben, wie er sein Studium an der Uni Witten/Herdecke erlebt und warum er andere ermutigt, an sich zu glauben.
Als Sami Barkal 2015 im Alter von 15 Jahren nach Deutschland kommt, liegt eine lange, entbehrungsreiche Zeit hinter ihm: Krieg, Flucht, Jahre ohne Schulbesuch und harte Kinderarbeit in Textilfabriken. Wenige Jahre später macht er in Deutschland sein Abitur und erfüllt sich seinen Traum: Medizin studieren!
Geboren wurde Sami in einem der kurdischen Gebiete im Norden Syriens, aufgewachsen ist er lange Zeit in Aleppo. Mit dem Ausbruch des Krieges 2011 zerbricht das bisherige Leben. Die Familie zieht zunächst zurück in den Norden, flieht aber später vor dem Angriff des Islamischen Staats auf Kobanê in die Türkei. „Als 14-Jähriger musste ich bereits arbeiten, um meine Familie zu unterstützen. In Istanbul habe ich eine Anstellung in einer Textilfabrik bekommen, zusammen mit Menschen, die viel älter waren als ich“, erzählt Sami. Ganz legal sei das nicht gewesen, aber die einzige Möglichkeit, um zu überleben. „Ich musste relativ früh erwachsen werden und mir Gedanken über meine ungewisse Zukunft machen. Eine belastende Erfahrung.“
Ein Neuanfang in Deutschland mit großen Hürden und neuen Chancen
Nach zwei Jahren in der Türkei – geprägt von schlechten Arbeitsbedingungen, ständiger Unsicherheit und schwindender Hoffnung auf baldigen Frieden in Syrien – fällt die Entscheidung, weiter nach Europa zu fliehen. Über mehrere Länder gelangt die Familie schließlich nach Deutschland. Für Sami beginnt damit ein neues Kapitel, das zunächst vor allem eines ist: überwältigend. „Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen und hatte keinerlei Wissen über die Kultur“, erinnert er sich. Dass er dennoch bereits kurz nach seiner Ankunft eine Realschule besuchen konnte, verdankt er einer engagierten pensionierten Lehrerin, die sich vor Ort für geflüchtete Familien einsetzte. „Diese Unterstützung war das Fundament, auf dem ich aufbauen konnte.“ Der Schritt zurück in einen geregelten Schulalltag ist nicht leicht. Kurz zuvor hatte Sami noch täglich zehn bis zwölf Stunden in einer Fabrik gearbeitet – nun sitzt er in einer Klasse mit jüngeren Mitschüler:innen und kann sich kaum verständigen. „Die Anfangszeit war neu, beängstigend und ungewiss.“ Gleichzeitig erlebt er erstmals seit Langem Stabilität – und entdeckt seine Freude am Lernen.
Zwei Jahre später schließt er die Realschule als Jahrgangsbester ab und wechselt aufs Gymnasium. Auch dort setzt sich sein Erfolg fort. Parallel beginnt er, sich zu engagieren, betreut geflüchtete Kinder, begleitet Eltern zu Gesprächen und setzt sich für ihre Interessen ein. „Engagement gehört für mich dazu. Als ich in Not war, habe ich von der Unterstützung engagierte Menschen enorm profitiert. Jetzt bin ich dran zu helfen.“
An der Uni Witten/Herdecke erfüllt sich Samis Traum vom Medizinstudium
Ein akademischer Weg war für Sami lange Zeit nicht vorstellbar. „Meine Eltern sind beide Analphabeten. Mein Vater hatte in seiner Kindheit nie eine Schule von innen gesehen“, erzählt er. Dennoch reift in ihm früh der Wunsch, Arzt zu werden. „Ich konnte und wollte mir nichts anderes vorstellen. Mich haben der menschliche Körper und Heilungsmöglichkeiten für Krankheiten fasziniert.“ Nun scheint sein Traum in greifbarer Nähe zu sein und Sami will seine Chance nutzen: Während der Abiturzeit informiert er sich intensiv über Studienmöglichkeiten. Besonders angesprochen fühlt er sich vom modellhaften Lehrkonzept der UW/H in der Humanmedizin.
Als die Einladung zum Auswahlgespräch kommt, ist das für ihn ein Schlüsselmoment. „Es war unvergesslich und emotional überwältigend, weil ich auf diese Chance seit meiner Ankunft in Deutschland im Jahre 2015 hingearbeitet hatte.“ Kurz darauf folgt die Zusage.
Für Sami ist die Anfangszeit in Witten so anspruchsvoll wie auch bereichernd: „Das Studium bringt schließlich eine besondere Eigenverantwortung mit sich: Man muss die richtigen Quellen und Materialien zum Lernen finden. Gleichzeitig habe ich schnell einen engen Kontakt zu meinen Kommilitonen aufgebaut, sodass wir uns gegenseitig unterstützen konnten.“ Besonders schätzt er das Problemorientierte Lernen (POL). „In den kleinen Gruppen konnten wir Patientenfälle im Detail diskutieren oder auch mal über Fragestellungen streiten. Aber genau das ist es, was gute Lehre für mich ausmacht.“ Für den 26-Jährigen ist klar: Diese Lernkultur hat ihn nicht nur fachlich, sondern auch persönlich wachsen lassen.
Ein Forschungsjahr in Oxford: Einblicke in Tumorimmunologie
Heute ist Sami Barkal im zehnten Semester, „scheinfrei und zum zweiten Staatsexamen zugelassen“. Aktuell schreibt er seine Doktorarbeit an der University of Oxford – eine Erfahrung, die ihn noch immer staunen lässt. „Noch 2014 habe ich in Flüchtlingscamps der spanischen Stadt Melilla mit 4.000 Menschen in Zelten geschlafen. Zehn Jahre später stand ich plötzlich vor der Sir William Dunn School of Pathologie – dort, wo Penicillin als Medikament entwickelt wurde –, um ein zweimonatiges Praktikum zu absolvieren. Ich konnte es nicht glauben. Ein Jahr später kam ich wieder nach Oxford, um an meiner experimentellen Doktorarbeit zu forschen.“ Hier arbeitet Sami im Bereich der Tumorimmunologie und untersucht, wie Immunzellen, die sogenannten T-Zellen, unter bestimmten Bedingungen Tumorzellen zerstören.
Nach seinem zweiten Staatsexamen und dem Praktischen Jahr möchte Sami als „Clinician Scientist“ arbeiten, um Forschung und Patient:innenversorgung zu verbinden. „Die Verbindung zwischen der ärztlichen Tätigkeit in der Klinik und der Laborarbeit finde ich enorm wichtig. Sie ermöglicht es einem Arzt, an Projekten von klinischer Relevanz forschen.“
Stipendien als Chance: Förderung und Engagement für andere
Eine wichtige Rolle auf Samis Weg spielen Stipendien. Er selbst ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und der Deutschlandstiftung Integration. „Stipendien können ein Leben komplett verändern – bei mir war das der Fall.“ Über die Studienstiftung konnte er nicht nur einen Teil seines Studiums finanzieren, sondern auch Kontakte knüpfen, die ihn in vielerlei Hinsicht inspiriert haben. Ihm ist es wichtig, seine Erfahrungen und die Unterstützung, die er selbst erlebt hat, an andere weiterzugeben. So engagiert er sich als regionaler Sprecher und Botschafter der Studienstiftung, organisiert Stammtische und ist Ansprechpartner für Kommiliton:innen. Besonders jungen Menschen mit Migrationsgeschichte möchte er Mut machen: „Herkunft, Hautfarbe oder Religion sollten nicht darüber bestimmen, was man erreichen kann.“ Wichtig sei es, sich zu informieren, nach Möglichkeiten zu suchen und Chancen zu ergreifen. „Einige Organisationen haben gezielte ideelle Förderprogramme für begabte junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, z. B. Geh deinen Weg von der Deutschlandstiftung Integration.“
Was ihn antreibt, fasst Sami selbst so zusammen: „Die Kriegs- und Fluchterfahrungen haben mich gelehrt, mit gewissen Herausforderungen umzugehen und daran zu glauben, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt.“ Geduld und Zuversicht – diese Resilienz möchte er sich bewahren.
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