Liebe auf den zweiten Blick
Wie Witten für Cara Wegerer zum richtigen Studienort wurde

Von der Kleinstadt-Skepsis zu großer Verbundenheit: Cara Wegerer, Psychologie-Studentin an der UW/H, erzählt, wie sie in Witten Offenheit, kulturelle Vielfalt und Raum für eigene Projekte gefunden hat.
Als Cara Wegerer im Frühjahr 2020 mit ihrem Psychologie-Bachelor an der Universität Witten/Herdecke begonnen hat, war Corona in vollem Gange. Online-Vorlesungen, keine Zeit vor Ort, kein Umzug nach Witten. Stattdessen ist die gebürtige Stuttgarterin in Sizilien geblieben, wo sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wegkam, und hat die ersten Monate von dort aus digital studiert. Dann, im Sommer, ging es endlich richtig an die UW/H, für die Prüfungen. Und auch in das Zimmer, das sie von Anfang an gemietet hatte.

Gefunden hatte sie es über die Online-Plattform WG-Gesucht, die Suche ging schnell und reibungslos. Die Ankunft hingegen: ein kleiner Kulturschock. Von der Großstadt Stuttgart in die Kleinstadt Witten. Ins Ruhrgebiet, mit seiner völlig anderen Architektur, die nicht gerade durch ihre Schönheit besticht; mit einem Nahverkehr, der mit Stuttgart nicht mithalten kann. Und doch war das Ankommen für Cara „extrem einfach“. Das lag einerseits daran, dass sie – auch wenn das Studium bis dahin nur online stattfinden konnte – erste Kontakte über den Bildschirm geknüpft hatte. Und andererseits an ihrer inneren Haltung: „Ich war so richtig bereit. Dass die Stadt klein ist, hat es mir leicht gemacht. Mir wurde mit so einer Herzlichkeit und Offenheit begegnet. Ich glaube, ich habe die Sonne Siziliens noch in mir getragen und ausgestrahlt; aber genau das habe ich auch zurückbekommen.“ In Geschäften und Cafés wurde sie freundlich begrüßt und aufgenommen. „Es war leicht, hier reinzukommen und seinen Platz zu finden. Ich habe Witten total lieben gelernt und viele tolle Ecken entdeckt, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.“
Individualität und die eigene Art leben
Besonders mag sie die Nähe zur Natur, das raum café und das Café Leye mit seiner großen Sonnenterrasse auf dem Dach. Das kulturelle Angebot hat Cara überrascht: „Ich habe schon gedacht, dass in einer Kleinstadt nicht so viel geht. Und ja, die Frequenz ist nicht so hoch, aber es gibt doch viele Events, seien es Zwei-Stunden-Partys oder auch künstlerische Aktionen.“ Kurz nach ihrer Ankunft hat sie bei einer Kunstausstellung der Projektfabrik mitgemacht, viele neue, inspirierende Menschen kennengelernt und gemerkt, dass ihre individuellen Anliegen in Witten einen Platz finden und sie sich entfalten kann.
Als klar war, dass das Wintersemester 2020/21 auch online stattfinden würde, ging es für Cara mit dem Studium jedoch erst einmal nicht weiter. „Ich hatte immer so viele Interessen und die Vorstellung, nur eine Sache vertiefen zu können, war für mich furchtbar. Deshalb hat mich besonders die Idee des Studium fundamentale an der UW/H angesprochen. Und der hohe Praxisbezug war für mich wichtig.“ Als sie auf der Website von Selbstreflexion im ersten Semester des Psychologie-Studiums und vom Wahrnehmungspraktikum gelesen hat, in dem Studierende sich in unbekannte Situationen begeben und neue Perspektiven einnehmen, war sie überzeugt. „Das klang nicht nur nach Auswendiglernen, sondern nach Erfahrungen, die wirklich nutzbar sind.“

All diese Erwartungen ließen sich in den Corona-Semestern jedoch kaum erfüllen. Deshalb entschied sie sich für eine Pause, machte ihre Leidenschaft zum Beruf und sich als Fotografin selbstständig. 2024 hat sie außerdem ein Semester an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Die Stadt gefiel ihr, der Campus faszinierte sie, ebenso die Vorlesungen mit mehr als 200 Studierenden. Und doch hat sie eine Sehnsucht nach Witten gespürt, nach der Art des Austauschs, nach den Menschen mit ihren Eigen-Arten. „Man spricht hier immer vom Wittener Geist und davon, dass die Menschen etwas sehr Individuelles mitbringen. Ich finde das schwer greifbar – und habe gleichzeitig festgestellt, dass mir das gefehlt hat. Mich motiviert das Umfeld in Witten, so richtig über Sachen nachzudenken und zu diskutieren und sich nicht einfach auf Prüfungsinhalte und das Bestehen zu konzentrieren.“ Deshalb hat Cara sich an das Bewerbungsbüro der Psychologie an der UW/H gewandt – und konnte ihr Studium in Witten fortsetzen. „Das war so ein schönes Gefühl, zu merken, wenn die Uni dich einmal ausgewählt hat, dann sehen die was in dir, dann kannst du auch einfach zurückkommen. Da habe ich mich sehr wertgeschätzt gefühlt.“
Studium und Fotografie miteinander verbinden
Sie zog in ihr altes Zimmer, das zwischenzeitlich untervermietet war, und machte mit neuer Motivation weiter. Caras anfänglichen Erwartungen, an der UW/H zu einem ganz tiefen Menschen heranzuwachsen, Freiheit, Wahrheit und soziale Verantwortung als Grundwerte der Universität zu leben, richtig ins Diskutieren zu kommen, eine eigene Haltung zu entwickeln und zu verteidigen oder sich in etlichen Stufu-Kursen vielseitig weiterzubilden, sind nicht vollständig erfüllt – „wer hätte das gedacht“, sagt sie. Aber es hat in Ansätzen funktioniert, in einigen Kursen wie dem Wahrnehmungspraktikum, im Studium fundamentale oder durch die Einblicke in verschiedene Therapieschulen, die sie im Psychologie-Studium erhalten hat. „Wir haben uns zum Beispiel mit der Humanistischen Psychotherapie beschäftigt und geschaut, wie diese Strömung auf Personen blickt und dadurch Therapie gestaltet. Dann wurden wir angehalten, unser eigenes Menschenbild aufzuschreiben. Das war sehr persönlich und gleichzeitig so wichtig für unsere Arbeit. Die Uni bietet einem die Möglichkeiten für Persönlichkeitsentwicklung – man ist jedoch selbst dafür verantwortlich, sie zu nutzen.“
Einen Weg, den Cara für sich gefunden hat, war, Fotografie und Studium zu verbinden. „Für mich ist es total wertvoll, dass hier qualitative Forschung in der Psychologie betrieben wird, da habe ich richtig Feuer gefangen. Ich habe androgyne Gesichter fotografiert. Und dann erforscht, wie Menschen diese Uneindeutigkeit wahrnehmen und damit umgehen, welche Ambiguitätstoleranz sie aufweisen. Das ist wirklich mein eigenes Projekt; das, was mich begeistert, wo ich fotografisch viel Arbeit reingesteckt habe. Und dann habe ich eben diese Interviews geführt und ausgewertet, Bezüge hergestellt und Literatur hinzugezogen. Das hat mich richtig bereichert. Und ich weiß, dass das an den meisten Unis nicht möglich gewesen wäre.“
Aktuell arbeitet Cara an ihrer Bachelorarbeit. Auch wenn sie in Witten und an der UW/H ihren Platz gefunden hat, zieht es sie für den Master in eine andere Stadt, hin zu etwas Neuem. Denn die Großstadtsehnsucht ist nie ganz verschwunden. In NRW zu bleiben, kann sie sich jedoch gut vorstellen, „die Mentalität hier sagt mir richtig zu, die Sprache, die Direktheit, das gefällt mir.“
Studium fundamentale
Das Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke bietet Studierenden die Möglichkeit, sich in mehr als 100 interdisziplinären Lehrveranstaltungen mit philosophischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen und damit über die Grenzen ihres Fachstudiums hinauszugehen. Jeden Donnerstag kommen Studierende aller Studiengänge in den Kursen zusammen. Das Stufu fördert sie darin, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven auszutauschen und ihren eigenen Standpunkt zu entwickeln.
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