„Man muss erst weggehen, um Heimat zu spüren“

Johanna „Emmi“ Mentzel über Zugehörigkeit, ein Studium voller Möglichkeiten und das Leben zwischen Ost und West.

Im Interview erzählt Emmi von Heimatgefühl und Fernweh – und warum sie das Studium an einer kleinen Universität zu schätzen weiß.

Johanna Mentzel – von fast allen nur Emmi genannt – ist für ihr Studium an der UW/H von Jena nach Witten gezogen. Heute studiert die 26-Jährige im achten Fachsemester Humanmedizin im klinischen Abschnitt und macht parallel ihren Master in Ethik und Organisation. Der Schritt nach NRW war für sie weniger ein Sprung ins Unbekannte als eine bewusste Entscheidung für Neues: für andere Perspektiven, für eine kleine Uni mit großem Entfaltungsraum – und für eine Stadt, die man sich langsam erschließt.

Emmi Mentzel und eine Kommilitonin sitzen an einem Infostand. Im Hintergrund sind eine Beachflag und eine Posterwand mit der Aufschrift "Initiativlabor".

Warum hast du dich für ein Studium an der UW/H entschieden und wie empfindest du das Unileben?

Meine Tante hat mich auf die Uni in Witten aufmerksam gemacht. Ich erinnere mich noch gut an den Infotag, der damals während Corona online stattfand. Ich saß einen ganzen Tag lang vor dem Bildschirm und war total gefesselt. Vor allem vom Studium fundamentale (Stufu), aber auch die Menschen, die die Uni vorgestellt haben – das hat einfach gepasst. Rückblickend hat sich das auf jeden Fall bestätigt. Die UW/H ist zwar klein, aber es gibt unheimlich viele Möglichkeiten – seien es eben das Stufu oder die zahlreichen studentischen Initiativen. Manchmal wünsche ich mir natürlich auch mal in einem großen Audimax zu sitzen mit 300 Studierenden auf Klappstühlen. Aber auf Dauer bin ich doch froh, dass ich die meisten Dozierenden duzen kann und wir Kommiliton:innen uns gegenseitig erkennen.

Was schätzt du heute besonders am Medizin-Studium?

Seit ich im klinischen Abschnitt bin, bin ich unglaublich dankbar für den großen Praxisbezug. In fast jedem Praktikum merke ich wieder, warum ich das alles mache. Ich finde es wertvoll, so früh in den ärztlichen Alltag reinzuschnuppern – auch, um langfristig resilienter zu werden und zu lernen, eigene Grenzen zu setzen.
Außerdem schätze ich sehr, dass man hier zwei Studiengänge kombinieren kann. In meinem Master-Studium Ethik und Organisation kann ich Gedanken, die mich in Medizin, Gesellschaft oder Gesundheitssystem beschäftigen, in einen anderen Rahmen einordnen.

Wie hast du in Witten Fuß gefasst und dich schließlich eingelebt?

Meine Mitbewohnerin Clara und ich haben uns über WG-Gesucht gefunden. Sie hatte eine schöne Wohnung in Witten-Mitte für eine Zweier-WG, und da wohnen wir jetzt seit mehr als vier Jahren – mit einem Supermarkt direkt um die Ecke und ganz nah am Wiesenviertel.
Da Clara gemeinsam mit mir mit dem Studium begonnen hat, haben wir uns anfangs gegenseitig unterstützt und uns Halt gegeben. Wir hatten beide einen ziemlich weiten Weg in die Heimat, also blieb uns eigentlich nichts anderes übrig, als uns auf unseren neuen Studienort einzulassen. Vor Semesterbeginn sind wir eine Woche lang ohne Termine einfach durch Witten gelaufen und haben uns die Stadt erobert.

Wie hast du damals den Umzug aus der Ferne organisiert?

Sehr minimalistisch. Ich bin erstmal nur mit einer Kommode und einer Matratze eingezogen, weil ich vorher noch nie in Witten war und gar nicht wusste, was mich erwartet. Einige Möbel, Geschirr und andere Kleinigkeiten haben wir vom Sperrmüll, ebay-Kleinanzeigen hat auch geholfen. Und mein Fahrrad, meine Klamotten und ein paar Lieblingspflanzen sind dann über viele Zugfahrten aus der Heimat nach und nach mitgekommen. Man kann sich da sicher viel mehr Gedanken machen, aber am Ende reicht doch relativ wenig zum Leben.

Wie war es für dich, so weit von Zuhause wegzuziehen? Gab es besondere Herausforderungen beim Umzug in ein anderes Bundesland?

Nach meinem Schlussabschluss hatte ich erstmal ziemlich Fernweh. Da wollte ich gerne so weit weg wie möglich. Am schwersten war für mich schließlich die Erkenntnis, wie schwierig es ist, Kontakte aus der Heimat über Distanz aufrechtzuerhalten. Das hat mich vor allem in den ersten Jahren sehr beschäftigt. Nähe verändert sich, wenn man nicht mehr spontan vorbeifahren kann.

Vor allem als meine Großeltern älter wurden und ich das Bedürfnis hatte, sie häufiger zu besuchen, wurde mir die Entfernung manchmal zur Last. Aber Zugfahren wird dann einfach zum Hobby – mit dem Semesterticket kann ich ja kostenlos in die Heimat fahren und dabei lernen.

Wie hast du Witten als Stadt erlebt – gerade im Vergleich zu deiner Heimat?

Witten und Jena sind zum Glück fast gleich groß. Ich kannte es also schon, dass man eigentlich auf jedem Weg mindestens ein bekanntes Gesicht trifft. An manchen Tagen finde ich das total schön, an anderen hätte ich lieber eine große Kapuze auf.

Die Basics finden sich in Witten einfach, die Geheimtipps entdeckt man erst mit der Zeit. Mein Lieblingsort sind die Schaukeln gegenüber vom Saalbau. Und wenn ich Witten mit einem Gefühl oder Bild beschreiben müsste: eine Falafelrolle im Sonnenuntergang mit „Witten City“ von Creuzfeld & Jakob (eine Hip-Hop-Formation aus Witten) auf den Ohren.

Gab es regionale Unterschiede, die dich überrascht haben?

Ja, auf jeden Fall. Ich mag die direkte Art hier und dass man sich schnell duzt. Gleichzeitig merke ich, dass Dinge, die ich aus Thüringen als selbstverständlich kannte, hier manchmal anders funktionieren. In meinem Umfeld in Jena gab es zum Beispiel ein deutlich engeres Netzwerk unter Nachbar:innen: Wir haben ständig irgendwo angeklingelt, um Kochutensilien auszuleihen, oder haben gegenseitig auf Blumen oder Haustiere aufgepasst. Ich habe das Gefühl, dass das hier weniger selbstverständlich passiert – in anderen Stadtteilen mag das aber auch anders aussehen.

Und manchmal fehlen mir in der Metropolregion mit den vielen Städten einfach der Thüringer Wald und die frische Luft.

Du sprichst über Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Was hat sich für dich verändert?

Mir war vor dem Umzug nicht bewusst, dass es diese Unterschiede immer noch so stark gibt – oder dass sie in unserer Generation überhaupt noch eine Rolle spielen. Ich fühle mich tatsächlich erst seit ich in Witten bin so richtig als „Ossi“, weil ich „den Osten“ immer wieder verteidigen muss. Also hier eine kleine Aufklärung: Die Städte dort sind wirklich schön und nicht nur grau. Klar gibt es viele AfD-Wähler:innen – die gibt es aber auch in einigen Ruhrgebietsstädten. Und viele Städte im Osten haben eine stabile linke Szene. Und ja: Wir haben tatsächlich immer Bananen und Kaffee im Supermarkt.

Was hast du persönlich über dich gelernt, seit du in Witten bist?

Dass ich ein Heimatgefühl habe. Wir haben neulich in der Freundesgruppe festgestellt, dass man vielleicht erst weggehen muss, um das zu merken. Es gibt aber auch immer wieder Momente, in denen ich denke: Jetzt bin ich in Witten angekommen. Oft sind das ganz kleine Dinge – wenn ich nach einer Reise wieder in unsere Wohnung komme oder mit lieben Menschen zusammen bin.

Zum Schluss: Was würdest du Studierenden raten, die aus einem anderen Bundesland nach NRW ziehen?

Kommt rum und schaut es euch an. Witten ist ein nettes Nest – manchmal ganz schön grau, aber man macht es sich gemütlich. Und wenn ihr aus Ostdeutschland kommt: Nutzt die Chance, Unterschiede zu entdecken. Aber lasst euch nicht in Klischee-Schubladen stecken.