Die grüne Transformation erfordert enorme Ressourcenmengen:
Wie kann dieser Rohstoffbedarf nachhaltig gedeckt und gleichzeitig begrenzt werden?

Ein Seminar im Studium fundamentale der Uni Witten/Herdecke mit anschließender Exkursion ins Deutsche Bergbau-Museum Bochum nimmt die Ressourcenpolitik zwischen Klimaschutz und globaler Gerechtigkeit in den Blick.
Wie lässt sich die grüne Transformation gestalten, ohne neue ökologische Schäden, geopolitische Abhängigkeiten und soziale Ungerechtigkeiten zu verschärfen? Welche Rohstoffe sind für den nachhaltigen Umbau von Energie-, Verkehrs- und Industriesystemen notwendig – und wo liegen die ökologischen und politischen Grenzen ihres Abbaus? Mit diesen Fragen haben sich Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Weltregionen im Seminar „The Policy of Resources in Times of Green Transition“ im Studium fundamentale (Stufu) der UW/H unter der Leitung von Prof. Dr. Reinhard Loske beschäftigt.

Im Mittelpunkt des Seminars stand die Erkenntnis, dass die ökologische Transformation moderner Industriegesellschaften dringend notwendig ist, um Klimakrise und Umweltzerstörung zu begrenzen. Photovoltaik, Windenergie, Batterietechnik, Elektromobilität, grüner Stahl und Wasserstoff sind Kernelemente des europäischen „Green Deals“ und einer klimaverträglichen Zukunft. Zugleich wurde deutlich, dass diese Technologien selbst gewaltige Mengen an Rohstoffen wie Lithium, Kupfer, Nickel, Kobalt, seltene Erden und weitere Materialien erfordern, die bei ihrer Förderung erhebliche Umweltprobleme verursachen können. Studierende aus Afrika, dem Mittleren Osten und Europa brachten ihre Perspektiven in die Diskussionen ein und tauschten ihre Gedanken zu grünen Flächen und roten Linien aus.
Globale Perspektiven auf Rohstoffe und Machtverhältnisse
Außerdem beleuchtete das Seminar neue Abhängigkeiten – etwa von China, das die genannten Rohstoffmärkte dominiert –, geopolitische Konflikte sowie Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Förderländern, vor allem gegenüber lokalen Gemeinschaften und indigenen Völkern im Globalen Süden. Die Teilnehmenden diskutierten politische Strategien, um die negativen Effekte der grünen Transformation zu begrenzen: internationale Zusammenarbeit auf Augenhöhe – etwa zwischen Afrika und Europa –, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft oder auch eine Diversifizierung von Lieferländern. Immer wieder rückte dabei ein Thema in den Mittelpunkt, das in politischen Debatten oft gemieden wird: die Suffizienz, also der Verzicht auf bestimmte industrielle Aktivitäten. „Vor allem ohne Suffizienz wird es nicht gehen“, resümiert Prof. Dr. Reinhard Loske. Die Frage „Wie viel ist genug?“ müsse gestellt werden, wenn die Transformation nicht lediglich zu einer Verlagerung von Umweltproblemen führen solle. Für viele Studierende war gerade dieser Perspektivwechsel – weg vom reinen Effizienz- und Wachstumsdenken – ein wichtiger Impuls.

Kritischer Blick auf den Tiefseebergbau
Besonders kritisch schaute die Gruppe auch auf den drohenden Tiefseebergbau, in den manche Staaten einsteigen wollen. Er wäre mit erheblichen Eingriffen in das empfindliche Ökosystem Ozean verbunden, das schon heute mit Stressfaktoren wie der Überfischung, der Versauerung, der Erwärmung und dem Korallensterben konfrontiert ist. Zusätzliche Eingriffe könnten irreversible Schäden verursachen – mit kaum absehbaren Folgen für das globale Ökosystem Ozean.
Ein Höhepunkt des Seminars war die Exkursion ins Deutsche Bergbaumuseum Bochum. Dort konnten sich die Studierenden bei einer Führung umfassend über alle Aspekte der Rohstoff- und Brennstoffförderung informieren. „Wer den Blick in die Zukunft der Ressourcenpolitik richtet, muss zugleich die Vergangenheit des Bergbaus, seine Wohlfahrtseffekte, aber eben auch seine negativen externen Effekte auf Umwelt und Gesellschaft kennen und verstehen“, sagt Prof. Dr. Reinhard Loske. Die Exkursion machte deutlich, dass eine verantwortungsvolle Ressourcenpolitik nur gelingen kann, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammengedacht werden.
Studium fundamentale (Stufu)
Das Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke bietet Studierenden die Möglichkeit, sich in mehr als 100 interdisziplinären Lehrveranstaltungen mit philosophischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen und damit über die Grenzen ihres Fachstudiums hinauszugehen. Jeden Donnerstag kommen Studierende aller Studiengänge in den Kursen zusammen. Das Stufu fördert sie darin, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen, Perspektiven auszutauschen und ihren eigenen Standpunkt zu entwickeln.
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