Vom Meer ins Revier: Carlotta Fehrmann und ihr Neustart im Ruhrgebiet
Für ihr Medizinstudium ist die Kielerin Carlotta Fehrmann nach Witten gezogen. Sie erzählt, warum Gemeinschaft und Menschen für sie entscheidend sind und was sie an ihrer neuen Wahlheimat überrascht hat.
Carlotta Fehrmann sagt über sich, dass sie „in den Norden Deutschlands gehört“. Hier ist ihre Heimat, hier ist sie aufgewachsen. Sie liebt das Meer, die Nähe zu ihrer Familie, die schönen Häuser und Cafés. Fürs Studium zog es die gebürtige Kielerin dann doch raus aus Schleswig-Holstein und rein ins Ruhrgebiet. Seit Oktober 2025 studiert sie Humanmedizin an der Universität Witten/Herdecke – und entdeckt eine völlig andere Region Deutschlands für sich.
Nach dem Abitur hat Carlotta eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Kiel gemacht und anschließend zwei Jahre auf verschiedenen Stationen gearbeitet, die längste Zeit auf der Kinderherzstation. Danach der Wechsel nach Hamburg. Hier wurde sie im Krankenhaus als Springerin in verschiedenen Bereichen eingesetzt, jedoch immer bei Kindern. Die Versorgung von Erwachsenen hat sie nur einmal für sechs Wochen in ihrer Ausbildung übernommen – und freut sich daher umso mehr, diesen Teil nun im Studium zu vertiefen. Medizin zu studieren, war schon lange ihr Wunsch. Bei der Recherche hat sie gemerkt, dass die UW/H gut zu ihren Werten und Idealen passt und sich beworben. Mit Erfolg.
Zwei unbekannte Umzugshelfer
Carlotta wohnt alleine in einer Wohnung in der Innenstadt. Sie mag es, ihren „Safe Space“ zu haben – wenngleich sie die Vorzüge des WG-Lebens sieht, vor allem für Menschen, denen es eher schwerfällt, Kontakte zu knüpfen. Vor der Wohnungssuche hatte sie etwas Respekt, weil sie nichts und niemanden kannte und vorher noch nie in NRW geschweige denn im Ruhrgebiet gewesen ist. Doch da sie sogar die Suche in Hamburg gemeistert hatte, war sie einigermaßen positiv eingestellt. Und wurde nicht enttäuscht. Nach einer Recherche bei Immoscout und ebay Kleinanzeigen hat sie sich an einem Tag drei Wohnungen angesehen – und die dritte, im Zentrum Wittens, direkt genommen. Hier ist sie von vielen anderen Studierenden umgeben und nie alleine. Und: „Man bekommt viel mehr für einen geringeren Preis als zum Beispiel in Hamburg. Das ist echt ein Vorteil als Studentin, dass man sich eine eigene Wohnung leisten kann.“
Der Umzug war jedoch eine kleine Herausforderung, da sie sowohl Klamotten in ihrer Wohnung in Hamburg als auch bei ihren Eltern in Kiel hatte und alles gut koordiniert werden musste. Ihre Familie hat sie unterstützt – und zwei Kommilitonen, die sie noch gar nicht kannte. „Wir hatten schon vor dem Studienstart eine WhatsApp-Gruppe des Semesters und da habe ich einfach reingeschrieben und gefragt, ob mir jemand helfen kann. Zwei Jungs haben sich gemeldet; mit denen bin ich jetzt immer noch gut befreundet.“
Das Patensemester organisiert in der Humanmedizin ebenfalls sehr viel. Die Paten sind im dritten Semester, rufen die WhatsApp-Gruppe für die neuen Erstsemester ins Leben, stellen eine Ersti-Fahrt auf die Beine oder kümmern sich um eine Stadtrallye. In der WhatsApp-Gruppe hat Carlotta übrigens nicht nur ihre Umzugshelfer gefunden, sondern auch eine andere Studentin aus Kiel, mit der sie sich direkt vernetzt hat, und Kommiliton:innen, mit denen sie am ersten Unitag zusammen mit dem Fahrrad zum Campus gefahren ist. „Es gibt hier so viele Möglichkeiten, Leute kennenzulernen. Ich gehe zwar gerne auf Menschen zu; trotzdem fragt man sich, ob man wohl Anschluss finden wird. Aber die Sorge braucht man wirklich nicht zu haben, die Uni und das Patensemester kümmern sich richtig gut, sodass man sich auf andere Dinge wie den Umzug konzentrieren kann.“
Eine Oase im Hinterhof
Von Witten und vom Ruhrgebiet hat Carlotta bereits einige Ecken kennengelernt und „die wichtigsten Spots“ entdeckt – das Knut’s, das Kijami Café, die Dachterrasse im Café Leye, den Kemnader See, den Stadtpark. Ihr erster Eindruck nach ihren Stationen in Kiel und Hamburg? „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es war super schön. Das Ruhrgebiet kann man nicht mit Hamburg vergleichen. Es gibt keine großen Einkaufspassagen mit Alleen und Alster und allem. Aber das ist okay. Dafür ist die Uni ein Traum, es ist wie ein Refugium, wenn man hier reinkommt.“ Ihr Tipp: immer mit dem Fahrrad unterwegs sein. „Ich finde, da sieht man einfach andere Dinge als zu Fuß. Denn selbst wenn man sich mal verfährt, entdeckt man Orte, die man vorher noch nicht gesehen hat.“
Völlig neu ist für Carlotta, „dass man gefühlt alle fünf Minuten jemanden trifft, den man kennt. Das ist in Hamburg nicht so und in Kiel auch nicht.“ Überrascht hat sie, wie sehr die Menschen ihre Stadt mitgestalten. Ihre Nachbarn haben im Hinterhof zum Beispiel eine eigene kleine Oase mit einer Hütte und Hochbeeten geschaffen, wo sie sich gerne aufhält. Auch mit dem großen kulturellen Angebot hat sie nicht gerechnet – seien es Lesungen im Café Leye, Diskussionsrunden, Konzerte –, ebenso wenig mit der Nähe zu anderen Städten. „Wenn man im Norden irgendwo hinfahren möchte, in eine größere Stadt, ist man schon mal zwei Stunden unterwegs. Locker. Und hier setzt man sich in den Zug und ist total schnell in Dortmund, in Bochum oder Essen. Mir wurde immer gesagt, dass das so ist, aber ich dachte: ‚Als ob. Das klappt nicht.‘ Tut es aber. Das war verrückt.“ Dafür braucht sie nun etwas länger, bis sie „in der richtigen Natur“ ist – anders als in Kiel, wo das Meer maximal zehn Minuten entfernt war.
Dennoch: Für sie bleiben die Menschen zentral, damit sie sich an einem Ort wohlfühlt. „Sollte ich irgendwann mal zurückgehen, werde ich richtig schreckliches Heimweh nach den Menschen haben, die ich hier kennengelernt habe. Auch nach ihrer Mentalität. Die Leute hier sind einfach offener. Ich komme viel öfter ins Gespräch und das weiß ich sehr zu schätzen.“