Von der Theorie in die Praxis

Wie Psychologie-Masterstudierende der Uni Witten/Herdecke in der Lehrambulanz selbst therapieren

Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal eine ambulante Psychotherapie zu leiten? Das erleben Studierende des Master-Studiengangs Psychologie mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie in der Lehrambulanz der UW/H. Die Absolventen Nils Kruse und Yannik Kulik erzählen von ihren Erfahrungen in diesem besonderen Therapie-Setting. 

Der Moment, in dem ein Patient oder eine Patientin zum ersten Mal im Therapieraum Platz nimmt, bleibt vielen angehenden Psychotherapeut:innen lange im Gedächtnis. Auch für Nils Kruse war es ein besonderer Augenblick: sein erster eigener Fall – und das noch im Studium. „Wir haben vorher zwar schon Praktika gemacht und Erfahrungen in Kliniken und der stationären Therapie gesammelt“, erinnert sich der Alumnus des Master-Studiengangs Psychologie mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie an der UW/H. „Aber das war etwas anderes. Plötzlich sitzt da ein Mensch vor dir, der Hilfe sucht – und du bist die Person, die ihn dabei begleitet.“

Nils gehört zu den ersten Master-Studierenden, die in der lehrtherapeutischen Grundversorgung der Universität Witten/Herdecke – auch Lehrambulanz genannt – Gespräche mit Patient:innen geführt haben und damit tief in die praktische Arbeit eingetaucht sind. Denn: Im lehrtherapeutischen Setting übernehmen die Studierenden erstmals selbst ambulante Therapiesitzungen – eng begleitet von erfahrenen, staatlich geprüften Psychotherapeut:innen. Nils: „Im Studium haben wir bis dahin viel über die manualisierte psychotherapeutische Behandlung einzelner Erkrankungen gelernt, bringen also viel Wissen und Handwerkszeug mit. Wenn es gelingt, das eigene Fachwissen und wissenschaftlich fundierte Behandlungsansätze an den individuellen Menschen anzupassen, ist das ein tolles und bestärkendes Erlebnis.“

Porträtbild von Nils Kruse
Nils: „Wir geben den Patient:innen ganz viel Raum, machen uns intensiv Gedanken über jeden Fall, tauschen uns aus und überlegen, wie was am besten funktionieren könnte.“ (Foto: privat)

Psychotherapie lernen – mit guter Unterstützung und umfassender Supervision

Auf eine:n Student:in kommt in der Lehrambulanz der UW/H ein:e Psychotherapeut:in. Gemeinsam bereiten sie die Sitzungen intensiv vor und nach, sprechen über Herausforderungen und Unsicherheiten. In den ergänzenden Supervisionen treffen sich drei bis vier Studierende alle zwei Wochen mit ihren Lehrtherapeut:innen, schauen sich Videoaufzeichnungen aus den Sitzungen an und reflektieren ihre therapeutische Arbeit. „Ich habe mich an die Hand genommen gefühlt und gute erste Erfahrungen gemacht“, sagt Nils. „Meine Lehrtherapeutin hat mir während der Therapie viel Raum gelassen, hatte aber auch ein gutes Gespür dafür, an welchen Stellen ich Unterstützung brauchte und sie eingreifen sollte. Das erleichtert den Einstieg in das spätere Berufsleben sehr und baut Hemmschwellen ab. Ich bin dadurch mit einer anderen Haltung und Gelassenheit in die tatsächliche Arbeit gestartet.“ 

Yannik Kulik, ebenfalls Absolvent des Master-Studiengangs Psychologie mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie an der UW/H, unterstreicht, wie viel Vertrauen ein solches Setting von allen Seiten benötigt. „Wir haben unsere Gedanken und Erlebnisse immer offen geteilt und alles angesprochen, was uns auf dem Herzen lag – sowohl bei den anderen Studierenden als auch bei den Lehrtherapeut:innen. Und wir konnten immer eigene Ideen einbringen; es ging nie darum, dem einen vorgefertigten Weg zu folgen.“

Porträtbild von Yannik Kulik
Yannik: „Meine Patientin hat mir zurückgemeldet, dass sie sehr von der Therapie profitiert hat.“ (Foto: privat)

Echte Beziehungen aufbauen und einen Unterschied machen

Für Yannik war es außerdem besonders, „seine“ Patientin über einen längeren Zeitraum zu begleiten und viel über die Beziehungsgestaltung zu lernen. „In den vorherigen Praktika hatten wir eher oberflächlich Kontakt. Zwölf Sitzungen à 50 Minuten sind da doch nochmal eine andere Zeit, in der man eine Beziehung aufbauen und den gesamten Prozess vom ersten Gespräch bis zum Abschluss miterleben kann“, sagt er. 

Zu Beginn der Behandlung erheben die Studierenden mithilfe standardisierter Fragebögen die Belastung und das Wohlbefinden ihrer Patient:innen. Nach den zwölf Sitzungen werden diese Werte erneut abgefragt. „Bei meiner Patientin haben sich die Werte tatsächlich verbessert“, erinnert sich Yannik. „Sie hat mir noch zurückgemeldet, dass sie sehr von der Therapie profitiert hat. Es war ein richtig schönes Gefühl, dass man etwas bewirken und einen Unterschied machen konnte. Natürlich war die Therapie eine Challenge, man möchte es besonders gut machen, am liebsten Satz für Satz vorbereiten. Wenn man dann so ein Erfolgserlebnis hat, stärkt das nicht nur das Grundverständnis für die Therapie, sondern auch das Selbstbewusstsein für die spätere Praxis.“

Echte Verantwortung und eine intensive Lernerfahrung

Für die Studierenden bedeutet die Lehrambulanz: echte Verantwortung – und gleichzeitig ein intensives Lernsetting. Patient:innen haben nach dem ausführlichen Erstgespräch, der umfassenden Diagnostikphase und den Einzelsitzungen ein besseres Verständnis für sich und ihre Erkrankung und können sich einen passenden Platz für eine Anschlusstherapie suchen, sofern diese benötigt wird. Dafür erhalten sie auch einen umfassenden Abschlussbericht. Nils betont: „Die Therapie in der Lehrambulanz ist zwar kürzer als bei niedergelassenen Psychotherapeut:innen, aber es ist wirklich eine besondere Umgebung. Wir geben den Patient:innen ganz viel Raum, machen uns intensiv Gedanken über jeden Fall, tauschen uns aus und überlegen, wie was am besten funktionieren könnte. Ich glaube, es ist einfach ein guter Ort, an dem einem auf positive Weise begegnet und auch kurzfristiger und niederschwelliger geholfen wird.“ Studien zeigen zudem, dass Therapien durch Berufsanfänger:innen vergleichbare Erfolge erzielen können wie Behandlungen durch erfahrene Therapeut:innen – auch weil die Fälle besonders sorgfältig vor- und nachbereitet und reflektiert werden. 

Sowohl Nils als auch Yannik haben nun, nach ihrem Master-Abschluss, die Approbation. Wenn sie selbstständig als Psychotherapeuten arbeiten möchten, müssen sie noch eine fünfjährige Weiterbildung anschließen. Beide arbeiten derzeit in einer psychotherapeutischen Praxis, Yannik macht parallel dazu seinen Master in General Management an der UW/H. Hier erwirbt er zusätzliche Kompetenzen im Bereich Betriebswirtschaftslehre, die sein psychologisches Profil gut ergänzen – vor allem, wenn er später eine eigene Praxis eröffnen würde. Er kann sich vorstellen, nach der Weiterbildung als Kinder- und Jugendtherapeut zu praktizieren. Die Lehrambulanz hat Nils und Yannik darin bestärkt, auch in ihrem Berufsleben in das Einzeltherapie-Setting zu gehen – und die positiven ersten Erfahrungen fortzuführen.

Die lehrtherapeutische Grundversorgung an der Uni Witten/Herdecke

Die lehrtherapeutische Grundversorgung wurde an der Universität Witten/Herdecke im Zusammenhang mit der Reform des Psychologie-Masterstudiums zum Wintersemester 2023/24 eingeführt. Seitdem wächst das Angebot kontinuierlich: Mittlerweile begleiten 13 Lehrtherapeut:innen jedes Jahr rund 90 Studierende und Patient:innen durch die Lehrambulanz. Weitere Informationen unter: Lehrtherapeutische Grundversorgung - Universität Witten/Herdecke